Pineapple-Pete hat geschrieben: ↑26.07.2020 16:30Usul
Ragism
Danke. Einem großen Teil der etwas klügeren Kritiker ist das ebenso aufgefallen. Hier wird die Rachethematik so eigenartig und beliebig hin- und hergebogen, daß man schon wirklich viel Offensichtliches übersehen muß, um die Wendungen und Spielsituationen ernstnehmen zu können. Und ich finde auch, daß sich im Vergleich zum ersten Teil nur die Grafik und das Gameplay verbessert haben - die Charaktere und Dialoge sind manchmal eigenartig schemenhaft, und gerade die neuen Nebenfiguren bleiben sehr blass.
Mein eigentlicher Schieler zu Jörg hatte aber nicht nur TLOU2 zum Grund. Ich schätze ihn und seine Schreibweise sehr, und gleichzeitig habe ich wirklich das Gefühl, er möchte Spiele besonders pushen, die vor allem für Nicht-Spieler viel Dramatik und Bedeutungsschwangeres inszenieren. Ganz so, als schäme er sich ein wenig, sich mit dem Medium "Videospiele" zu beschäftigen. Und da blöde Erzählungen besonders dann auffallen, wenn sie sich als große, epische Dramatik verkaufen, fällt er bei manchen Tests gelegentlich ziemlich auf die Nase.
Na, zum Glück haben wir ja aber immer noch einige wenige kluge Kritiker und vor allem Leser, die das alles schnell durchschauen, weil sie ein scharfes analytisches Auge haben, das sie vom tumben Pöbel absetzt.
Sorry für das Offtopic, aber da möchte ich doch noch kurz einhaken:
Das ist jetzt ein schwieriges Thema. Mir liegt nichts daran, irgendwem auf den Schlipps zu treten, ich mag deine Beiträge meist echt gerne (Usul) und die erste Zeile mit den "etwas klügeren Kritiker[n]" ist natürlich Quatsch. Davon distanziere ich mich. Deswegen wäre es auch schön, wenn du nicht zwei unterschiedliche User in den Besserwisser-Topf schmeißen und dich, wenn du schon das Bedürfnis hast, zu antworten, wenigstens mit dem Inhalt auseinander setzen würdest.
Die Sache ist nämlich die: Die restliche Kritik des ersten Abschnitts von Ragism ist absolut legitim. Das Gameplay und die audiovisuelle Präsentation haben stark angezogen, jeder andere Aspekt hat im Vergleich zum Vorgänger ordentlich Federn lassen müssen - deutlich erkennbar. Die dargebotene Thematik und deren Verlauf ist flach und offensichtlich. Diese Stimmen werden auch nicht nur von Druckmann-Hatern oder Frauenhassern, sondern auch in klugen Artikeln wie dem Test von Maddy Myers (Polygon) laut. In Anbetracht dessen, dass TLOU2 so viele Stellen hat, die sich als billiges Storytelling entlarven, sobald sie durchschaut sind, kann also leicht das Gefühl entstehen, etwas verstanden zu haben, was andere übersehen.
Was die Kritik am Chefredakteur angeht: Ohne irgendwelche Mutmaßungen anzustellen, entsteht bei mir durchaus der Eindruck, dass er sich häufig jenseits seines Kompetenzbereiches äußert, ja.
Jede*r Filmwissenschaftler*in zieht dir die Ohren lang, wenn du in einem kitschigen, esoterisch-ästhetischen Klischéestreifen wie Ghost of Tsushima ein "entfernte[s] Echo von Akira Kurosawa" witterst, weil äh Samurai in Japan. Oder bei einem mit der Streckbank in die Länge gezogenen, redundanten Storytelling-Ausfall wie Red Dead Redemption 2 von hervorragender Regie schwärmst.
Das funktioniert hier, auf einer Spieleseite, weil ein Großteil der Zielgruppe eventuell nicht zwangsweise mit der akkuraten Handhabe solcher Begriffe und den Eigenheiten einschlägiger Regisseur*innen vertraut ist. Ein Indiz dafür wäre immer dann, wenn ludisch redundante Abschnitte hier im Forum - inspiriert vom Test - als "entschleunigte Regie" aufpoliert werden. Aber in einer Runde mit Leuten, die tatsächlich Ahnung von Film haben oder selber welche machen, wirst du für solche Phrasen eher belächelt.
Ich weiß, das klingt elitär, aber wie würdest du solche Kritik denn formulieren, wenn du meine Meinung hättest?
@topic:
Ich finde es ja interessant, wie viel attraktiver Sony's Aufgebot im Vergleich zu Microsoft's Fehltritten erscheint, wie schon bei der Promophase der Ps4 / Xbox One. Im Prinzip hat man ja auf hauseigener Ebene (mit der Ausnahme von Returnal) ebenfalls nur auf Fortsetzungen bereits etablierter IPs gesetzt. Die sehen aber halt wenigstens auch nach Next Gen aus und erscheinen nicht für vier unterschiedliche Systeme, die sich technisch gegenseitig limitieren, wie bei Halo Infinite.
Was die RPG-Debatte angeht: Ich würde dem Eindruck zustimmen, dass Spiele wie Horizon, GoT und GoW sich eher oberflächlich dieser Elemente (Skill Trees, Crafting, Dialogoptionen) bedienen, weil es halt bei den anderen auch gerade funktioniert. Von einem "richtigen" RPG kann bei Horizon nicht wirklich die Rede sein. Das ist einfach ein Amalgam an allem was gerade gut auf dem Markt läuft, nur halt mit guten Kampfsystem und einem ziemlich frischen Setting.