billy coen 80 hat geschrieben: ↑12.04.2017 08:46
Das sagt so aber auch nur die Soziologie. Irgendwie beschleicht mich immer das Gefühl, da wird Gesellschaft immer wie so eine höhere, den Menschen prägende Macht gesehen und verkannt, dass zunächst Gesellschaft sich durch die Menschen entwickelt und von ihnen geprägt wird. Und diese Menschen folgen
auch biologisch geprägten Verhaltensmustern.
Daher ist die Verwendung der Begriffe Sex und Gender auch durchaus strittig, weil sie suggerieren, dass eine glasklare Abgrenzung zwischen sozialem und biologischem Geschlecht immer sinnvoll oder überhaupt möglich wäre. Dieser Eindruck kann aber eigentlich nur bestehen, wenn man Biologie auf Mumus und Pipimänner reduziert. Die Annahme aber, dass sich unterschiedliche Hormonhaushalte und gar neurologische Unterschiede nicht signifikant im Verhalten niederschlagen, halte ich für, auf jeden Fall, sportlich. Und diese Dinge wirken natürlich
auch über die Individuen in die Gesellschaft und beeinflussen sie.
Die De Beauvoirsche Metapher von der leeren Tafel bzw. dem leeren Blatt ist als ganzheitliche Aussage gesehen naturwissenschaftlich gesicherter Nonsens.
Daher würde ich es als sehr wichtig erachten, dass gerade im Bereich der Geschlechterwissenschaft die Disziplinen mal stärker ihre Filterblasen verlassen sollten, als es nach meinem Empfinden derzeit der Fall ist. In einem Bereich, auf den offensichtlich mehrere Aspekte gleichzeitig einwirken, die sich dann auch noch gegenseitig befruchten, steht es einem Erkenntnisgewinn eher im Wege, immer nur auf die eigenen Thesen zu pochen, den jeweils anderen Dogmatismus vorzuwerfen, nur um sich selbst ungestört weiterhin im eigenen Dogmatismus suhlen zu können.
Zusammengefasst sprichst Du dich ja vor allem gegen Reduktionismus aus. Das ist zwar richtig, aber (mit Verlaub) auch ein Gemeinplatz. Reduktionismus ist niemals wünschenswert, weder in der Soziologie noch in der Biologie oder anderswo. Wissenschaftler, die ihren Fachbereich hermetisch gegen den Einfluss anderer Disziplinen abzuschotten versuchen, mag es geben, aber derlei Haltungen sind schlicht obskur und finden meiner Erfahrung nach (freilich ohne da jetzt Insiderkenntnisse jeglicher Fachbereiche heucheln zu wollen

) im offenen wissenschaftlichen Diskurs auch nicht sonderlich viel Gehör. Eher im Gegenteil, ich würde sagen die meisten Forscher freuen sich doch, wenn sie Input aus anderen Disziplinen in ihrer Forschung verarbeiten können, nicht zuletzt da sich gerade in interdisziplinären Bereichen viel Potential für Innovation und entsprechende Rezeption ihrer Arbeit findet.
Reduktionismus findet man da eher unter irgendwelchen übereifrigen Studenten, die meinen nach vier Semestern Biologie/Soziologie/whatever die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben und von den vielen zweifellos hochinteressanten Dingen, die sie in ihrem jeweiligen Fach gelernt haben, derart fasziniert sind, dass sie sich dazu versteigen durch die Linse der eigenen Disziplin die ganze Welt erklären zu wollen. Von da aus ist es dann nur ein kleiner Schritt zu einem unangemessenen Oppositionsdenken oder gar Überlegenheitsdünkel gegenüber anderen Disziplinen. Vernünftige und erfahrene Forscher machen so einen Kappes aber in aller Regel nicht mit. Eine Aussage wie diese hier beispielsweise...
billy coen 80 hat geschrieben: ↑12.04.2017 08:46
...dass sich unterschiedliche Hormonhaushalte und gar neurologische Unterschiede nicht signifikant im Verhalten niederschlagen...
...würde meiner Einschätzung nach kaum ein Forscher, egal aus welchem Fachbereich, unterschreiben.
Jedoch zurück zu meinem eigentlich Punkt: Nein, ich bin keineswegs der Meinung, dass die Unterscheidung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht dogmatisch oder reduktionistisch gegenüber der Biologie ist. Erstens, weil die Differenzierung an sich doch überhaupt keine Opposition zwischen diesen beiden Ursachenbereichen impliziert und auch keine Wertung nach dem Motto "Was ist von beidem ist wichtiger?" - da kann die Antwort je nach untersuchtem Phänomen wohl so oder so ausfallen.
Zweitens, weil sie den biologischen Einflussfaktor eben nicht ausblendet, sondern vielmehr explizit benennt.
Drittens schließlich, weil der Umstand, dass in einigen Fällen die Trennschärfe zwischen den beiden Konzepten des biologischen und sozialen Geschlechts nicht vollständig gegeben sein mag nicht bedeutet, dass diese Kategorien generell unnütz sind, zumal sie ansonsten vielfach wunderbar zur Beschreibung beobachteter Phänomene taugen. Macht die Biologie übrigens auch: Das Konzept "Leben" beispielsweise, welches für die Biologie ja absolut grundlegend und notwendig ist um sich überhaupt von Physik und Chemie abzugrenzen, ist definitorisch vielfach umstritten und somit unscharf. Was jetzt, wie ich erneut betonen möchte, kein Beitrag zum akademischen Grabenkampf "Natur- vs. Geisteswissenschaften" sein soll, sondern einfach ein Beispiel dafür, dass auch nicht zu 100% saubere Begriffe in der Forschungspraxis auf ganz grundlegender Ebene gang und gäbe sein können. Was natürlich nicht heißt, dass eine Klärung solcher Begriffe nicht wünschenswert wäre - ein Anliegen, für welches es mit der Philosophie ja sogar eine eigene Spezialdisziplin gibt.