billy coen 80 hat geschrieben:Ich werde einfach nicht schlau aus den ganzen Diskussionen in Threads, sobald irgendwo TLOU im Titel des Artikels auftaucht.
Keiner muss das Spiel gut finden. Jeder kann auch seine Meinung dazu kundtun. Nur wundert es mich schon ein Wenig, wenn irgendwie immer wieder dieselben Leute auch im gefühlt tausendsten TLOU-Thread auftauchen um zum zehntausendsten Mal zu verkünden, wie gewöhnlich und austauschbar sie die Story fanden, wie klischeehaft die Charaktere waren und wie schwach das Gameplay war. Warum investiert man nur so viel Zeit darin, andere von der eigenen Meinung zu einem Spiel zu überzeugen, wenn einem dieses Spiel doch am Ende so wenig gegeben hat??? Wobei es mir auch auffällig erscheint, dass es dort gewisse Fraktionsgewohnheiten gibt. User, von denen man aus anderen Diskussionen im Hinterkopf hat, dass sie bevorzugt auf PC spielen oder gar dem PC als ultimativer Plattform huldigen, neigen dazu, auf der vermeintlich schlechten Story und den ach so klischeehaften Charakteren rumzureiten. User, die man in jedem Nintendo-Thread auf der Seite der Jubelperser findet, sind bei TLOU-Themen irgendwie immer dabei, das Gameplay zu kritisieren. Trifft nicht in hundertprozentiger Sicherheit zu, aber ist mir mehrheitlich aufgefallen in einschlägigen Diskussionen.
Es ist ja aber letztlich auch legitim, Dinge zu benennen, die einem weniger bis gar nicht gefallen haben. Aber sollte man im eigenen Sinne auch darauf achten, dass man sich mit seiner Kritik an bestimmten Punkten nicht selber ins Abseits stellt.
So empfinde ich die Kritik an der KI schon wirklich jenseits von Gut und Böse. Klar hat sie ihre Schwächen, aber diese treten in erster Linie dadurch zu Tage, dass sie weit komplexer aufgebaut ist, als in der erdrückenden Mehrheit der Spiele. Wenn man sich nicht an jedem KI-Fehler hochzieht und alles daran festmacht, sondern sie einfach mal, auch mit etwas Sachverstand, mit anderen Spielen vergleicht, sollte einem auffallen, dass man es dort weiß Gott nicht mit schlechter KI zu tun hat.
So ist es nicht, wie in nahezu allen auch nur entfernt genreverwandten Spielen, eine dieser „sobald ich dich einmal entdeckt habe, weiß ich immer, wo du bist“-KI. Die KI wechselt zwar nicht (wie in vielen anderen Stealth-Spielen lächerlicherweise) nach ein bis zwei Minuten wieder zurück in den „Och, scheinbar alles wieder in Ordnung“-Modus, sondern bleibt permanent wachsam und durchsucht das Gelände, aber selbst bei Entdeckung kann man sich jederzeit wieder vor ihr verstecken. Das klingt schrecklich banal, ist aber bei Weitem kein Standard, vor allem im Action-Bereich. Dadurch entwickeln sich auch immer wieder diese spannenden Katz-und-Maus-Spielchen, die es so einfach auch noch nicht in allzu vielen Spielen in dieser Art gegeben hat.
Zudem reagiert die KI flexibel auf Situationen, z. B. abhängig von der eigenen Bewaffnung und der gerade vom Spieler ausgerüsteten Waffe. Hat man eine Nahkampfwaffe ausgerüstet, stürmen auch Gegner mit Nahkampfwaffen frontal heran. Hat man eine Schusswaffe parat (und auch bereits gezeigt, dass diese nicht leer ist; ist tatsächlich ebenfalls ein Aspekt der Situationsbewertung der KI), versuchen Gegner mit Nahkampfwaffen eher versteckt an einen heranzukommen, um einen von hinten zu überraschen.
Also wenn man die KI tatsächlich mal unvoreingenommen bewertet, fallen einem so viele Aspekte auf, die sie weit von gewöhnlichen Shooter-KIs abhebt, dass es meines Erachtens von wenig Sachverstand zeugt, gerade TLOU eine schlechte KI vorzuwerfen.
Je komplexer eine KI ist, desto größer ist die Gefahr, dass sie auch sichtbare Schwächen hat. Und genau das kommt hier zum Tragen. Aber es ist schon, gerade vor dem Hintergrund, dass hier seit Jahren genölt wird, die KIs würden sich kein Stück weiterentwickeln, sehr fragwürdig, gerade auf den Fehlern einer insgesamt ziemlich komplexen KI rumzureiten, die man in anderen Spielen nur deshalb nicht findet, weil dort die KIs aus erheblich weniger und deutlich leichter mit Trigger-Bedingungen zu versehenden Scripts bestehen.
Was die Kritik an der Story und den Charakteren angeht, haben hier ja auch schon einige so manches geschrieben. Ich finde es auch unverständlich, warum sich einige nun gerade so sehr in diesen Aspekten auf TLOU einschießen, wo es in „fachkundigen“ Bereichen eigentlich Konsens ist, dass dieses Spiel gerade im Bereich der Charakterzeichnung nahezu einzigartig im Medium ist. Warum zieht man gerade bei TLOU ständig diese ganzen Cross-Media-Vergleiche aus Filmen und Romanen, um zu zeigen, wie einfallslos und schon tausend Mal dagewesen das alles ist, wo man sich seltsamerweise in Spielen mit „Aliens wollen die Erde erobern“ oder „Terroristen bedrohen die USA / die Menschheit“ nicht in annähernd vergleichbarer Form in derlei Kritikkonstruirerei zergeht, obwohl es in solchen und überhaupt 99,9999 % aller Spielestories ungleich zutreffender wäre.
Also kurzum, ich verstehe viele Kritikpunkte, so wie sie von einigen vorgebracht werden, auch wenn ich sie nicht immer teile. Aber was ich nicht verstehen kann, ist, warum manche so sehr darin bemüht sind, TLOU Durchschnittlichkeit anzudichten in Bereichen, wo es nun mal einfach im Vergleich mit einer erdrückenden Mehrheit aller jemals entwickelten Spiele einfach kein Durchschnitt ist. Und sorry, aber dieses ständige „ja aber in Film / Roman XY ist das so oder so ähnlich auch passiert“ ist einfach Banane. Wir reden hier von zwei Medien, die es schon so lange gibt, dass es wahrlich kein Kunststück ist, wenn man es denn kugscheißenderweise drauf anlegen will, immer irgendwelche Titel aus dem Hut zu zaubern, von denen im vorliegenden Titel vermeintlich abgekupfert worden ist. Das gilt im Übrigen auch für Filme und Bücher und erst recht für absolut jedes storylastige Videospiel, also wahrlich nicht nur für TLOU. Nur habe ich es noch bei keinem anderen Spiel erlebt, dass so penetrant immer wieder versucht worden ist, anhand von inhaltlich vergleichbaren Filmen die vermeintliche Gewöhnlichkeit der Story oder der Erzählweise zu „beweisen“. Wirkt auf mich schon leicht schizophren.