LePie hat geschrieben:
Im Film ist man - wieder einmal, möchte man sagen - ein Stück weiter, siehe etwa Letters from Iwo Jima.
Im Film und der Literatur ist man sogar schon so weit, dass man hinten wieder rausgekommen ist ^^
Während es in beiden erstgenannten schon längst erlaubt ist Fragen offen zu lassen, den Mut zur Lücke findet und den Zuschauer/Leser über Motivationen spekulieren lässt, Freiräume für Interpretationen bietet, ihn über den psychischen Gesundheitszustand einer Figur im Unklaren lässt (
ist das alles wirklich passiert oder hat er sich das ganze nur eingebildet?) oder ihn mit verstörenden Erklärungen zu einer fürchterlichen Tat zurücklässt (
er tat es, weil er es konnte. Punkt.), (
ich hatte eine glückliche Kindheit, wurde nie geschlagen, missbraucht oder gemobbt und trotzdem tue ich heute was ich tue), muss im Spiel noch alles haarklein erklärt und auf dem Silbertablett serviert werden. Motive müssen eindeutig dargestellt werden und für jeden nachvollziehbar sein.
Dabei ergibt sich doch gerade für ein Unterhaltungsprodukt ein extra Schock-, Horror-, Grusel-Effekt, wenn etwas auch einfach mal unerklärlich bleibt.
Überhaupt ist dieses Beharren auf Antworten und Rechtfertigungen nichts was Spiele zu Film & Buch aufschliessen lässt, im Gegenteil, es ist eine Bremse und hält sie unnötig in den Kinderschuhen. Gerade bei Gewalt, Sex und Tabuthemen sind die Diskussionen einfach nur erbärmlich rückständig. In einem Film kann man zeigen wie ein Schwuler von einer Gruppe homophober Hinterwäldler zusammenschlagen wird, die gleiche Szene in einem Spiel würde gleich zu einem (Twitter-)Shitstorm der Berufs-Empörten führen. Jeder nackte Nippel und jeder kleine cm nackte Haut muss sich in Spielen erklären, während man sich in Büchern schon seit Ewigkeiten durchs ganze Haus oder Dorf fickt. Ach, selbst antike Theater waren da schon weiter.
Wenn sich der Böse, oder eine verkommene Gruppe von Bösewichten an Gewalt ergötzt, dann wird diese in der Regel comichaft, überzogen, satirisch dargestellt. Borderlands, anyone? Ernst und realistisch... da traut sich kaum jemand ran.
Das Thema Rassismus wird in Fantasy- oder andere fiktive Welten verlagert, weil der realistische Rassismus unserer Welt ein zu unbequemes Thema ist.
Eine ganze Schar menschlicher Facetten können in Spielen nicht dargestellt oder thematisiert werden, weil zu viele Leute darin immer noch ein Kinderspielzeug sehen und/oder ihnen eine Verantwortung aufbürden, die zum einen nicht logisch hergeleitet werden kann und zum anderen auch kein anderes Unterhaltungsmedium tragen muss.
Auch der Drang zum "Guten Ende" scheint in Spielen im Vergleich zu den anderen Medien immer noch überdurchschnittlich hoch zu sein, was es nur noch kindischer erscheinen lässt. Nur seltenst gewinnt das Böse, nur seltenst stirbt der Held (auch weil es ja unbedingt immer eine Fortsetzung geben muss

), die Bösewichter erhalten so gut wie immer ihre gerechte Strafe. Krankheiten bleiben ebenfalls aussen vor.
Es ist schon witzig, da bildet man sich ein mit einer "erwachsenen" Kritik den Spielen voran zu helfen, aber in Wirklichkeit hält man sie dadurch nur klein. Auch Fehler müssen erlaubt werden, dadurch lernt man nur. Man sieht es auch besonders an den Animationen. Kampfanimationen sind fast schon perfektioniert, inklusive einer überzeugenden wütenden, hasserfüllten Mimik. Weil Gewalt in Spielen immer schon da war. Dagegen sieht es immer noch unheimlich steif und dämlich aus, wenn 2 Charaktere sich küssen, Zuneigung bekunden oder poppn'.
Die Leute haben einfach keine Übung darin, und zu sagen dann sollen sie es eben ganz sein lassen, wäre einfach falsch. Und das gilt für alle Dinge und Themen, die in Spielen bislang entweder noch gar nicht oder nur oberflächlich angesprochen wurden.
Lasst die Leute einfach machen. Kommt vielleicht viel Mist bei raus, aber die Wahrscheinlichkeit ist auch höher, dass man schneller lernt, sich mehr traut und es allgemein mehr Vielfalt gibt als wenn man ihnen bei jedem kleinen Furz immer gleich auf die Finger haut.