Isegrim74 hat geschrieben:Tyranny lässt mich endlich wieder die dunkle Seite der Macht erforschen. Bin ich ein Monster, ein brutaler Wahnsinniger, der ohne zu Zögern eine ganze Stadt dem Untergang weiht? Bin ich ein notwendiges Übel, das Kyros von der Leine lässt, um seine Interessen und Gesetze durchzusetzen?
Der Gag bei Tyranny ist ja, dass man sich selbst, den Scarlet Chorus oder die Disfavored ja gar nicht als "böse" betrachtet, denn man bringt doch die Ordnung von Kyros in die Welt. Ein Land, ein Gesetz, ein Frieden. Ein Selbstverständnis, welches vor allem die Römer hatten, als sie durch Europa gezogen sind, um den Barbaren die Segnungen der Zivilisation zu bringen. Die Römer waren ja großes Vorbild für dieses Setting.
Stelle Dir einfach vor, wir leben heute in einer Welt bald 2000 Jahre, nachdem Kyros/die Römer die Welt befriedet hat. Halten wir die Römer für "böse", obwohl sie beim Erobern neuer Länder und Regionen alles andere als zimperlich waren? Nein, denn sie haben definitiv und nicht zu leugnen Zivilisation und Fortschritt zu den Barbaren getragen. Wenn wir vor den Bauwerken des Römischen Imperiums sehen oder uns anschauen, welches gigantische Reich man für damalige Verhältnisse aufgebaut hatte, denken wir dann, dass die Römer "böse" sind, weil ohne entsprechend brutale Ausbeutung der Sklaven das alles gar nicht möglich gewesen wäre? Denken wir daran, dass das Römische Imperium regelmäßig von Sklavenaufständen erschüttert wurde und die Überreste von Sklavenlagern auch heute noch Zeugnis eines perfiden Überwachungsstaates abgeben?
Das ist das Faszinierende an Tyranny. Nicht das platte, dumme Gut/Böse-Schema anderer Spiele, wo Moral nichts weiter ein Zeiger auf einer Skala ist. Sondern die Ambivalenz von Gut/Böse aufzeigen. Aufzeigen, dass böse Taten manchmal auch Gutes hervorbringen können und der Weg zur Hölle stets mit den besten Absichten gepflastert ist.
DAS wird Tyranny später groß machen. Endlich ein RPG, das sich aus dem primitiven Kindergarten-Schema von Gut und Böse lösen kann und Dir als Spieler die Komplexität der Wirklichkeit begreiflich machen kann, wo es eben KEINE einfachen Antworten gibt. NATÜRLICH ist es sinnvoll nicht die ganze Zeit als mordende Killermaschine durch die Gegend zu laufen, aber manchmal könnte es vielleicht sinnvoll sein Menschen zu ihrem Glück zu zwingen. Vorrausetzung ist dabei, dass man niemals blind und taub irgendeiner Moral nachrennt, sondern sich immer vor Augen hält ... was für Folgen kann meine Handlung haben und bin ich bereit die Verantwortung dafür zu übernehmen?
Ganz ehrlich ... da sind mir irgendwelche Probleme, die man mit der nackten Mechanik des Kampfsystems haben kann, grützescheissegal. Tyranny ist wie damals PST eine Herausforderung für unsere Moralvorstellungen
