mr archer hat geschrieben: ↑19.07.2017 23:56
billy coen 80 hat geschrieben: ↑19.07.2017 23:00
Die AfD war unter Bernd Lucke eine gesellschaftlich konservative und marktpolitisch liberalistische Partei. Da ging es nie um Asylanten und Grenzen zu;
Das war die Lebenslüge, an die Lucke wohl ein bisschen zu sehr geglaubt hat. Leute wie von Storch, Gauland und Höcke gehören zur Gründungsgeneration der AFD, nur waren Typen wie Lucke und Henkel zu arrogant, um zu erkennen, dass sie diesen rechtsnationalen Flügel nie in den Griff bekommen werden bzw. für ihn nur die nützlichen Idioten darstellen. Das hat Henkel ja letztlich vor einem Jahr auch zerknirscht zugegeben. Diese Partei hatte ihren eigenen Trojaner von Anfang an eingebaut und der schwingt dort jetzt in fast jedem Landesverband das Zepter. Da musste sich nichts durch Medientribunale nach rechts schaukeln, das war von Anfang an mit an Bord.
Im übrigen ist es falsch, so zu tun, als würde Luckes Steinzeit-EU, die so tut, als gäbe es plötzlich den Kalten Krieg wieder und man könnte sich als gemütlicher Butterbergverteil-Verein wieder in Brüssel zwischen den Machtblöcken einrichten, im 21. Jahrhundert nicht genau auf "Grenze zu" hinaus laufen.
Mönsch, es geht ja doch mal. Es geschehen noch Zeichen und Wunder...
Ich bin gewiss nie Fan der Partei gewesen und hätte entsprechend keinen Grund, krampfhaft zu leugnen, dass dort auch eher dem rechten Segment zuzuordnende Vögel mit am Werk gewesen sein dürften. Nur sehe ich auch, nicht nur im Bereich der Entwicklung des Parteipersonals sondern vor allem in der Popularität in der Bevölkerung zumindest zeitliche Korrelationen mit z. B. dem Aufkeimen der PEGIDA-Bewegungen. Und man kann es wohl kaum leugnen, dass, noch bevor die AfD sich tatsächlich immer weiter von "Euro muss weg" rüberbewegt hatte zu "Einwanderung stoppen", sie unter vielen der Anhänger dieser Bewegungen geradezu Fans hatten. Gar nicht mal unbedingt wegen ihrer Positionen, die vielen von denen zu dem Zeitpunkt bestenfalls nebulös bekannt gewesen sein dürften, sondern weil sie halt eben eine "Alternative" waren, weil sie mal nicht das "Establishment" waren und weil sie von der "Lügenpresse" und den etablierten Parteien genauso missachtet wurden, wie PEGIDA und ihre Anhänger auch. Ein Effekt, der sich zum Teil in den USA mit Trump in vergleichbarer Form ereignet hatte (wobei ich es gerade bei einem milliardenschweren Unternehmer immer etwas abwegig fand, ihn als Anti-Establishment zu betrachten; er mag politisch das teils verkörpert haben im Wahlkampf, aber gesellschaftlich ist er geradezu die Inkarnation des kapitalistischen Establischments). Das meinte ich mit "vereint im Opfernarrativ".
Rechte mögen da von Anfang an auch drin gewesen sein (trifft aber auch auf andere Parteien zu; die C-Parteien haben am rechten Rand auch einiges aufzubieten, was sich vor gestandenen AfDlern nicht zu verstecken braucht; die haben es nur eben nicht geschafft, derart die Parteiräson zu übernehmen). Nur hatte die offensichtlich wachsende Popularität der AfD in politisch eher rechten Kreisen denen dann erheblichen Rückenwind in dieser sich in weiten Teilen noch findenden Partei gegeben. Dass Lucke und Henkel da zu spät drauf reagiert haben, das war unstrittig ihr Fehler.
Nie würde ich behaupten, dass die Art der Berichterstattung der einzige oder der wesentlichste Grund dafür war. Aber ich halte es ebenso für naiv, zu glauben, dass die Art, wie mit Parteien oder Personen in den Medien umgegangen wird, keine wahrnehmbaren Rückkopplungseffekte in die Gesellschaft hat. Und dass der Eindruck, es würde unseriöser Kampagnenjournalismus betrieben, schnell mal zu genau gegenläufigen "Trotzreaktionen" führen kann, das ist nun weiß Gott nicht so massiv neu. Und gerade zu dieser Zeit war nun mal das Thema "Flüchtlingskrise" ganz heißer shice und jene die sich daran abarbeiteten, meinten in der AfD endlich einen Verbündeten gefunden zu haben, teils einfach nur, weil alle anderen Parteien (von der NPD mal abgesehen) nicht ihre Ansichten teilten.
Meines Erachtens spielen bei diesem Thema viele teils sehr globale Aspekte mit rein, die gesellschaftswissenschaftlich nicht uninteressant scheinen. Und, um zum Ausgangsthema zurückzukehren, ja, das ist ein Unterschied zu den Piraten, die viel eher wirklich an sich selbst gescheitert sind. Bei der AfD sähe ich da eine Melange aus weit mehr Faktoren (ohne sagen zu wollen, dass ich die Partei bereits als gescheitert einstufen würde; politisch entgleist, aber gescheitert noch nicht).
Übrigens sehe ich da einen noch erheblichen Unterschied zwischen (in erster Linie wirtschafts-) politschem, nationalstaatlichem Protektionismus und dem Dogma, Grenzen gegen jede Form von Zuwanderung dicht zu machen. Da mag eine Linie sein, die ist aber schon noch sehr lang und jene, die auf sie verweisen tun dies erfahrungsgemäß meist nur, um pauschal Leuten, mit anderer Meinung implizit Geisteshaltungen anzudichten, die diese nicht selten gar nicht haben.