Lebensmittelspekulant hat geschrieben: ↑10.03.2017 12:54
Es gibt gewiss ein paar Schüler, die Kafkas Werke verstehen können. Das betrifft allerdings wirklich nur ein paar Interessierte. Den Großteil des Stoffes, den wir auf weiterführenden Schulen vermittelt bekommen, ist bei einem Großteil der Schüler schlichtweg Zeitverschwendung. Ein Kind, das Atomphysiker werden will, sollte nicht jahrelang dazu erzogen werden Gedichte interpretieren zu können.
Da würde ich als bekennender Freund der Geisteswissenschaften gerne mein Veto einlegen. Ich denke nämlich nicht, dass der Anteil der Schüler, die Atomphysiker werden wollen jetzt wesentlich größer ist als der Anteil jener, die eine Geisteswissenschaft studieren möchten. Insofern könnte man den exakt selben impliziten Vorwurf auch gegen das Fach Physik richten. Oder gegen Mathematik. Gegen Sport, Religion, Philosophie oder Chemie. Halt gegen so ziemlich jedes Schulfach, das "wirklich nur ein paar Interessierte" anspricht (wobei sich dies, nebenbei bemerkt, ohnehin allenfalls auf die spezialisierteren, "fortgeschrittenen" Fachinhalte beziehen kann, denn dass Deutschunterricht prinzipiell sinnvoll ist, würdest Du, so unterstelle ich mal, doch nicht leugnen wollen). Von daher ist Deine Kritik komplett arbiträr.
Lebensmittelspekulant hat geschrieben: ↑10.03.2017 12:54
Ich habe Kafka in der Schule auch nicht verstanden. Trotzdem hat uns der Lehrer schon einige vorgefertigte Interpretationen zu einigen seiner Geschichten und natürlich zu seiner Persönlichkeit diktiert. Jetzt wo ich Kafka aus Eigeninteresse lese nervt mich diese "Bildung" nur. Manches davon wirkt falsch, vieles stark einschränkend. Gerade diese Versteifung auf seinen Vaterkomplex finde ich sehr vereinfachend, ist aber ein weit verbreiteter Konsens.
Dann ist Dein (zugestandenermaßen bedauerliches) Erlebnis entweder schon eine ganze Weile her, oder Dein Lehrer hat schlicht Mist gebaut. Denn sowohl das Aufdrücken einer vorgefertigten Interpretation als auch die Dominanz biographischer Autoreninformationen bei der Gewinnung einer solchen widersprechen (nicht erst seit gestern) dem Stand der Literaturwissenschaften ebenso wie der Art und Weise, wie Literatur laut aktuellen Lehrplänen in Schulen behandelt werden soll. Im Gegenteil, die Interpretationsfreiheit ist eines der wichtigsten Ideale, die angehenden Lehrern während ihres Studiums eingeschärft werden.