Kajetan hat geschrieben:
Der Werk ist HIER das Ergebnis dessen, was aus der Umsetzung des Willens des Autors entstanden ist. Der Autor im Spielebereich hat das unmittelbar in der Hand und viele Spiele werden auch genauso, wie das der Autor möchte. Es sind Auftragsarbeiten mit maximal handwerklich solidem Design, die zur schnellen Profitmaximierung und zum Ex-und-Hopp-Konsum entworfen wurden. ME ist keine hehre Kunst, ME ist ein simples Konsumprodukt wie Schokoriegel oder das Album einer Casting-Band.
Die Frage, ob wir es bei Mass Effect mit Kunst oder einem Wegwerfkonsumgut zu tun haben, ist doch allenfalls von sekundärer Relevanz; der Knackpunkt ist eher, dass es sich bei beidem gleichermaßen, ungeachtet ihrer stark auseinandergehenden Ansprüche an den Rezipienten, um Fiktionen handelt. Zu dieser stellt die
willing suspension of disbelief, auch wenn sie literaturwissenschaftlich ein alter Hut ist, einen möglichen und oft sehr befriedigenden Zugang dar. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass diese Rezeptionsstrategie für ein Spiel wie Mass Effect wie gemacht ist, eben weil sie es genau
nicht überintellektualisiert und ihm eher mit einem "Kind-im-Manne/-in-der-Frau"-Ansatz begegnet, der dem Anspruch eines solchen Spiels durchaus angemessen ist.
Richtig ist natürlich (in diesem Punkt habe ich SethSteiner ja vollkommen zugestimmt), dass man ab einer gewissen Niveauuntergrenze dann keine Lust mehr haben wird, der vorliegenden Fiktion noch eine imaginative Chance zu geben. Letztlich ist der Wille, sich in eine Fiktion hineinzuversetzen, ja immer sowas wie ein Vetrauensvorschuss, der unter Umständen schnell enttäuscht werden kann. Nichtsdestotrotz lohnt es sich häufig. Und ab genau wann man sagt "Das wird mir jetzt aber zu blöd hier", bzw. aufgrund welcher Kriterien, muss jeder individuell entscheiden.
Ich z.B. halte den Vergleich von Mass Effect mit einer Castingband für ziemlich polemisch. Wenn man es schon "unterhaltungsqualitativ" irgendwo einordnen wollte, dann sollte man das meiner Meinung nach eher in der Gesellschaft gewisser gut gemachter Mainstream-TV-Serien (sagen wir Star Trek) tun, die zwar insgesamt seicht sind, aber dabei durchaus auch mal kleinere erzählerische Innovationen wagen oder es sich gelegentlich trauen, kontroverse Themen anzupacken und darüberhinaus mit einer mehrheitlich sehr guten Präsentation punkten können. Also bestimmt nicht die Krone der Kunst, aber sicherlich sehr gute, manchmal(!) sogar kluge Unterhaltung. Oder wenn Du lieber bei der Musik-Metapher bleiben möchtest: Mass Effect ist sicherlich weder Steve Reich noch Radiohead, aber ganz klar auch nicht Dieter Bohlen. Darüber hinaus sagt der (natürlich nicht bezweifelbare) Status als Auftragsarbeit nichts aus über das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein etwaiger künstlerischer Ansprüche oder über die Möglichkeit einer Lesart, die über den bloßen Wegwerfkonsum hinausgeht - andernfalls könnte man gegen TV-Serien, Filme jeglicher Art (auch Autorenfilme finden und brauchen für gewöhnlich ein Publikum) oder Comics ähnliche Einwände erheben; denn so ziemlich nichts, was in der heutigen Zeit kulturell und künstlerisch relevant ist, ist dabei komplett frei von Kommerz.
Das ist nicht möglich. Spiele werden ja icht als Kunst "für sich" hergestellt, sondern sie sollen sich möglichst gut verkaufen, um dem Hersteller einen Gewinn zu bringen. Ohne "schwärmerische Geschwätzigkeit", ohne Werbung und Marketing geht das nicht. Und weil sich die Spiele in sich sich nur noch marginal voneinander unterscheiden, müssen zwangsläufig kleine Details zu RIESENGROSSEN Features aufgeblasen werden.
Dass das unrealistisch ist, ist mir durchaus klar. Aber deshalb muss ich den Status Quo ja nicht gutheißen. Ein für mich als Kosument tragbarer Kompromiss ist, wie ich ja bereits schrieb, Ankündigungen entweder nicht zu lesen oder nicht zu viel darauf zu geben. Ich meine, wenn auf einer Supermarktlasagne draufsteht "Schmeckt wie in einer guten Trattoria", dann bin ich ja auch nicht zutiefst enttäuscht, wenn ich nachher feststellen muss, dass das ein ganz klein wenig übertrieben war. Blöd finde ich solche Nonsens-Übertreibungen aber trotzdem.