Ich hatte in dem anderen Thread schon meine Meinung zu der ganzen Geschichte gepostet, aber dieser Kommentar von Herrn Cramer enttäuscht mich doch sehr an einer Stelle. Zwar kritisiert Cramer das Ausblenden deutscher Verbrechen, jedoch equalisiert er in diesem Aspekt auch die deutsche und die sowjetische Seite durch die undifferenzierte Anwendung des Begriffes Vernichtungskrieg und das anschließende Gegenüberstellen deutscher und sowjetischer Verbrechen, die den gleichermaßen schweren Beitrag beider Seiten zu den Kriegsgräueln belegen sollen. Der besonderen Dimension der deutschen Verbrechen an der Ostfront wird diese Darstellung nicht gerecht und zeichnet ein verzerrtes Bild.
Eike Cramer schreibt:
"Dass es an der Ostfront einen brutalen Vernichtungskrieg gab, an dem Millionen Rotarmisten, Wehrmachtssoldaten und vor allem Zivilisten den Tod fanden, ist natürlich Fakt. "
Der Vernichtungskrieg war nicht einfach ein schlimmer, unkontrollierbarer Umstand, der sich einfach so ergeben hat und dem beide Kriegsparteien gleichermaßen unterworfen waren, er war keine schicksalhafte höhere Gewalt.
Der Vernichtungskrieg war eine sorgfältig ausgearbeitete und offiziell von der Führung des deutschen Reiches befohlene Art der Kriegsführung, die die physische Vernichtung von Millionen von Menschen auf dem Gebiet der Sowjetunion zum Ziel hatte (siehe:
http://de.wikipedia.org/wiki/Generalplan_Ost). Als explizit befohlene und von der Wehrmacht, der SS und dem SD durchgeführte Vernichtungsmaßnahmen sind die systematische Ermordung der jüdischen Bevölkerung (
http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsch-So ... #Holocaust), das allgemeine aushungern der Zivilbevölkerung (
http://de.wikipedia.org/wiki/Hungerplan) und die Ermordung politischer Kommissare (
http://de.wikipedia.org/wiki/Kommissarbefehl).
Begründet wurde dieses Vorgehen durch die offen und aggressiv propagierte Rassen- und Lebensraumdoktrin, die im Rahmen der nationalsozialistischen Staatideologie von der Mehrheit der deutschen Bevölkerung akzeptiert oder zumindest geduldet wurde. Adolf Hitler hatte seinen Plan eines solchen Vorgehens gegen die Sowjetunion schon in den zwanziger Jahren in „Mein Kampf“ publik gemacht und es war seit dem ein fester Bestandteil der nationalsozialistischen Agenda.
Der Vernichtungskrieg ist also der Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion mit dem auf höchster Ebene eindeutig deklarierten Ziel, Millionen von Menschen umzubringen. In der Geschichte der zivilisierten Staaten ein vollkommen einmaliger Vorgang.
Davon zu sprechen, dass in diesem Vernichtungskrieg „Millionen Rotarmisten, Wehrmachtssoldaten und vor allem Zivilisten den Tod fanden“ ist eine Umschreibung, die diese tatsächlichen Verhältnisse völlig ausblendet und das Geschehene relativiert (nach dem Motto: alle waren brutal, allen gings dreckig).
Richtig müsste es heißen: in diesem Vernichtungskrieg wurde Millionen von Zivilisten planmäßig ermordet. Beim Umsetzen dieses Vernichtungsplanes wurden auch viele Wehrmachtssoldaten von den sich dagegen wehrenden Rotarmisten umgebracht.
Cramer schreibt weiter:
"Waffen-SS und Sonderpolizeieinheiten verübten hinter den Linien im Zuge des Holocaust unbeschreibliche Kriegsverbrechen, und auch sowjetische Soldaten wurden in diesem Konflikt zu Tätern. Das Massaker von Katyn, oder die Versenkung von Flüchtlingsschiffen wie der Wilhelm Gustloff sind nur einige Beispiele eines auf beiden Seiten unmenschlich geführten Krieges."
Nachdem wir nun also geklärt haben, dass die von Herrn Cramer hier erwähnten deutschen Verbrechen Teil eines staatsideologischen Plans waren, schauen wir uns mal die angesprochenen Verbrechen der Sowjets an, die quasi in einem Atemzug erwähnt werden und somit gleichwertig sein sollen. Der Krieg sei „von beiden Seiten unmenschlich“ geführt worden. Zu Katyn hat Herr Cramer glücklicherweise selber einen Wikipedia Link mitgeliefert. Es handelte sich dabei um die Ermordung von Zehntausenden von polnischen Militärangehörigen durch die sowjetische Geheimpolizei NKWD im Jahre 1940 im besetzten Polen. Ein sehr schlimmes, widerwärtiges Verbrechen, ebenfalls von der Staatsführung befohlen. Bis auf die Tatsache, dass es im Gegensatz zu den deutschen Vernichtungsaktionen eine streng geheime Operation war, ist es diesen sicherlich „ebenbürtig“. Allerdings ist es auch das einzige (mir) bekannte Verbrechen dieser Art, das die Sowjets damals begangen haben und meiner Meinung nach nicht Grund genug, um damit den Millionenfachen geplanten und offen propagierten Mord des deutschen Vernichtungskrieges pauschal zu relativieren und zu behaupten, der Krieg sei von beiden Seiten „unmenschlich geführt worden“. Das verzerrt die Geschichte und -- auch wenn es jetzt nur noch wie eine Floskel klingen mag -- verharmlost den Nationalsozialismus.