Ich denke, man darf beide Punkte nicht isoliert voneinander betrachten. Religion ist ein Teil der Gesellschaft und kann daher gar nicht getrennt von ihr gesehen werden. Ebenso sind die von Dir genannten Punkte "fehlende Bildung, Armut, traditionelle Gehirnwäsche durch Familienerziehung", also die allgemeinen sozialen Verhältnisse einer Gesellschaft zu teils kleinen und teils sehr großen Teilen auf eben die Religion innerhalb dieser Gesellschaft zurück zu führen.Usul hat geschrieben:Aber ich finde, die Gründe für die Auswüchse des extremen Islamismus sind nicht unbedingt in dieser berechtigten allgemeinen Religionskritik zu finden, sondern in den sozialen Verhältnissen der Menschen, die so reagieren. Fehlende Bildung, Armut, traditionelle Gehirnwäsche durch Familienerziehung, Instrumentalisierung gegen paltte Feindbilder (z.B. gegen "den Westen" oder "die Gottlosen") etc. Das sind Dinge, die auch ohne Religion zu ähnlichen Problemen führen und führen werden.
Sicherlich, auch Atheisten töten Menschen und auch ohne Religion gibt es Greueltaten. Doch wenn man sich einfach vor Augen hält, dass beispielsweise auf der einen Seite die amerikanische Bevölkerung zu 15% aus Atheisten besteht, gleichzeitig aber nur 1% der Gefängnisinsassen Atheisten sind und auf der anderen Seite 97% der Mitglieder der "National Academy of Science Members" Atheisten sind, unter denen sich mehr als 200 Nobelpreisträger befinden, darf die Frage durchaus gestellt werden, welche Rolle Religion für das Wohlergehen einer Gesellschaft einnimmt.
Eine Pauschalkritik an Religion oder genauer dem Islam oder dem Christentum ist aus vielerlei Gründen durchaus legitim, die wir hier auch gerne besprechen können. Wie gesagt, auch ohne Religion gibt es Greueltaten. Was aber keinesfalls heisst, dass diese Greueltaten begangen werden, WEIL es keine Religion gibt.
Oder kurz: Noch nie wurde ein Tropfen Blut im Namen des Atheismus vergossen.
Und auch wenn Religion für die meisten Kriege zwar nur instrumentalisiert und missbraucht wurde, um von den eigentlichen Zielen abzulenken (Territorialkriege, Macht, Herrschaft, wirtschaftlicher Aufschwung), so muss dieses von vielen gut und menschenfreundlich gemeinte Konzept doch ständig seinen Kopf für sehr viel Leid auf dieser Welt hinhalten, aus dem einfachen Grund, weil dieses Konzept in sich schon sehr widersprüchlich und undeutlich ist und somit schon fast nach Missbrauch schreit.
Die Welt ist nicht besser dran mit Religion. Ja, sie kann gläubigen Menschen Hoffnung geben, aber mehr auch nicht. Denn für alles Gute im Menschen benötigen wir keine Religion. Wir brauchen keine 2000 Jahre alten Schriften um uns zu lehren, wie wir gute Menschen sein können.
Sicherlich brauchen wir auch keine Religion um schlechte Menschen zu sein, denn das geht wie schon gesagt auch sehr gut ohne.
Aber: Religion bietet mir einen wie auch immer gearteten Grund, den ich ohne Religion nicht habe.
Das ist das Problem von Religion: Sie ist vielmehr Politikum als Lebenseinstellung.
Religion birgt unglaublich viel Potential, sowohl in positiver (mit Einschränkung) als auch negativer Hinsicht. Sie dient als Legitimation, um bestimmte Dinge zu tun. Sei es, Menschen zu helfen oder sie zu töten. Was ich mit meinem eigenen Denken und Gewissen nicht vereinbaren kann, vermag mir die Religion abzunehmen.
Helfe ich Menschen, weil mich meine Religion dazu ermutigt?
Oder töte ich sie, weil mir meine Religion das vorschreibt?
In beiden o.g. Fällen ist Religion ein Verstärker, ein Katalysator für Dinge, die man sowieso gerne machen würde, aber noch nicht die notwendige Überzeugung hat. Und ich halte beide Fälle für sehr schwierig, weil beiden diese Eigenschaften abgehen: Selbstbestimmtheit und Eigenverantwortung.
Lasse ich meine Religion über mein Handeln entscheiden oder kann Religion auch nur als Begründung für mein Handeln herhalten, kann das nicht gut sein.
Religion wird also als gesellschaftliches Ordnungssystem benutzt, ähnlich wie Gesetze. Ich sollte dies und jenes tun, darf dies und jenes machen oder eben nicht.
In einer perfekten Gesellschaft brauchen wir weder Gesetze noch Religion.
Und ganz ehrlich: Ich brauche in meiner Gesellschaft auch niemanden, der mich nur deswegen nicht tötet, weil es ihm ein Gesetz verbietet.


