mr archer hat geschrieben:@ anigunner
genau, gewalt ist teil unseres alltags. erklärst du mir dann jetzt noch, wieso wir alle (du, ich usw.) so geil darauf sind, sie in immer neuen realismusgraden im videospiel nachzuzocken? ist das nicht eigentlich absurd? krankheit und tot sind auch teil unseres alltags. gehen wir deswegen in unserer freizeit in die notaufnahme von krankenhäusern und gucken uns die unfallopfer an?
Realismus ist so ein oberflächliches Wort. Und es auf ein Videospiel anzuwenden ist auch so eine Sache...
Man sollte sich im klaren sein das man nie die Realität in einem Computerspiel nachbilden kann... wenn ich bei Medal of Honor als Soldat am Omaha Beach sitze ist das nicht im geringsten mit dem Vergleichbar was die armen Schweine damals vor Ort wirklich mit durchgemacht haben. Man kann allenfalls eine Ahnung davon bekommen wie schlimm und mit welcher Angst die Soldaten damals konfrontiert waren.
Aber lassen wir uns den Begriff trotzdem mal weiterverwenden... Realismus in Computerspielen hat in dem Maß zugenommen dass immer akkurater die Einwirkung von Waffengewalt auf den menschlichen Körper dargestellt wird. War es bei Duke Nukem 3D damals noch ein Pixelhaufen, der in sich zusammengeklappt ist, ist es heutezutage teilweise möglich Körperteile gezielt ins Visier zu nehmen und demensprechende "Rückmeldungen" zu bekommen. Der berühmte Headshot ist eine davon.
Selbst diese Darstellungen sind von einer wirklich "wahrheitsgetreueren" Darstellung(Gott sei Dank) noch meilenweit entfernt. Die Frage ist aber eher, will ich das wirklich haben? Ich denke Leute, die nach Feierabend einen Shooter anwerfen und sich wirklich austoben wollen brauchen das nicht. Für sie muss es einfach krachen, fetzen, brachial zu Werke gehen. Genauso wie z.B in einem Film. Dass das gezeigte kaum der Realität entspricht juckt nicht weiter, es ist völlig belanglos. Oder interessiert dich es das Autos nach einem Schuss in den Tank nicht explodieren, oder das im Weltraum normal durch das Vaakum überhaupt nichts zu hören ist?
Vermutlich werden die Spielehersteller noch etwas an der Schraube drehen, und immer mehr ins Detail gehen was das Trefferfeedback angeht. Wegen mir persönlich müssen sie das nicht machen, da es für mich keinen "spielerischen" Mehrwert hat ob jemand nach einem Treffer zusammenklappt oder ich Gliedmaßen abschießen kann. Das mag bei den ersten Kills irgendwo seinen primitiven Reiz entfalten, aber schnell geht es auf das eigentliche zurück: Du stehst mir im Weg, ich habe hier nur die Option dich mit Waffengewalt aus dem Weg zu räumen, also werde ich von diesem Mittel gebrach machen... möglichst schnell und effektiv.
Und das reicht meiner Meinung nach voll aus. Akkuratere Tötungsdarstellungen brauche ich nicht... und will ich auch gar nicht. Es ist für mich kein Spiel mehr in der Hinsicht wenn ich jemaden die Finger abschneiden kann, oder das Hirn physikalisch korrekt nach einem Kopfschuß rausplatzt... nene. Das ist nach meinen moralischen Werten nur noch pervers. Ich selbst ziehe da für meine eine Grenze, die ich nicht überschreiten werde. Die kann ich anderen nicht aufzwingen, ganz klar... aber das gehört hier mit zur viel beschworeren Medienkompetenz, dem Umgang mit den Gewaltdarstellungen.
Ein Aspekt der Realität, der in allen Spielen zu kurz kommt, sind die Folgen seine Handelns. In den meisten PC-Spielen fahre ich in den Krieg, kann tun lassen was ich will, und habe klar definierte Rollenverteilungen. Meine Unifrom ist grün, die der anderen sandfarben, und alles was sandfarben ist kann ich abknallen. Zivilisten? Meistens nicht vorhanden. Und wenn ja interessiert es kaum ob ich diese ebenfalls abknalle oder nicht. Das die Wahrheit eigentlich komplett anders aussieht, das spiegeln diese Spiele gar nicht wieder. Es ist auch nicht ihre Absicht. Welcher Gamer fände es denn cool wenn man für das töten eines Zivilisten oder Kameraden vors Krieggericht kommt und sein digitales Ego im Bau verschwindet? Oder im Kriegsgebiet mit Zivilisten konfrontiert werden, deren Söhne und Väter er umgebracht hat? Mit Kameraden die sich vor Angst in die Hose machen, desertieren oder schlicht und ergreifend verrückt werden?
Realität und Computerspiele sind zwei verschieden Welten. Spiele picken sich das raus, was zur Unterhaltung dient.. und passen es gegebenfalls an. Ordnen es Trends unter und versuchen sich von anderen Spielen abzuheben. Zu viel "Realismus" würde genau das Gegenteil bewirken. Daher ist dein Vergleich mit dem Krankenhaus unangebracht, weil du hier Birnen mit Äpfel vergleichst. Das sind zwei verschiedene Welten, die kaum was gemeinsam haben. Wenn ich ein Unfallopfer sehe, dann sehe ich einen leidenden Menschen. Das weckt Mitleid, bedauern und sicher keine Lust am Blut. Wenn ich ein Spiel spiele dann weiß ich genau das ich einen Pixelhaufen vor mir habe, der sofort verschwindet sobald ich das Spiel ausmache. Und weiter noch, ich weiß das der Kerl an der gleichen Stelle wieder steht wenn ich wieder ins Spiel reingehe. Hier ähnliche Gefühle wie bei einem Unfallopfer zu entwickeln, das ist völlig abwegig.
Warum der Mensch "gerne" auf Gewalt zurückgreift ist einfach der Umstand dass das in unseren Augen der einfachste Weg ist. Man könnte fast sagen es ist die unterste Schicht in unserem "Menschsein", quasi das "Universalmittel" bei unbekannten oder gefährlichen Stuationen. Warum das manchmal so ungemein befriedigend ist diese Gefühle "auszuleben" kann ich dir nicht sagen. Es ist aber so das Spiele genau den Rahmen schaffen, um sich ohne schlechtem Gewissen, klar verteilten Rollen und ohne Folgen diesen primitiven Mitteln zu frönen. Nichts anderes wollen sie bezwecken.
Man sollte aber trotz allem immer kritisch mit dieser Art der Medien umgehen. Das ein Spiel auf dem Index landet ist kein Gütesiegel, Mehr Gewalt ist kein Spaßgarant wenn es nicht Mittel zum Zweck sondern der einzige Zweck im Spiel ist.... oder anders gesagt wenn ein Spiel hirnlos und scheisse ist ändert sich auch nicht daran wenn die Entwickler die "Gore-Schraube" etwas hochdrehen. Ein Spiel soll unterhalten, Angst machen, belustigen, im gewissen Maß schockieren, nachdenklich machen, Tiefgang und Herzblut haben, Interesse wecken, das Gefühl geben das man etwas geschafft hat.... das funktioniert aber nur bei guten Mischungen. Kloppmist kann Spaß machen, aber so richtig satt machen nur gute, ausgewogene Gerichte.