Kajetan hat geschrieben:Skabus hat geschrieben:Ist imo ziemlich anmaßend.
Das war provozierend von mir. Richtig. Das ich damit Leute vor den Kopf stoße, ist mir bewusst.
Mir geht diese RIP-Gefühlsduselei auf den Sack. Weil es nicht echt ist. Selbst bei denen, die sich erfolgreich einreden können, Trauer zu verspüren. Betroffenheit ist das. Maximal. Aber keine Trauer.
Trauer, das ist der eiskalte, alles plättende Hammer, wenn eine brüchige Stimme am Telephon sagt, dass vorhin ein enger Angehöriger gestorben ist. Das lähmende Gefühl der Endgültigkeit. Die Dinge, die man sich nicht mehr sagen kann. Die verworrenen Träume noch viele Tage später. Das seltsam leichte Gefühl, wenn man den Tod dieses Menschen endlich akzeptiert hat. DAS ist Trauer. Wenn man sie sich nicht raussuchen kann. Wenn man am liebsten von ihr davonrennen möchte. Wenn es so richtig weh tut!
Hier wird maximal nur mitgefühlt. Man ist betroffen. Aber man trauert nicht.
Sicher, man mag meinen Einwurf als Sprach- und Bedeutungspolizei auffassen. Kann man mit Fug und Recht. Aber so wie mir Gefühlsduselei auf den Sack geht, so tun das auch sprachliche Schlampereien und die unbedachte Verwendung und somit Entwertung von bestimmten Begriffen.
Kajetan, ich schätze Dich für Deine Beiträge hier sonst sehr, aber an dieser Stelle möchte ich entschieden widersprechen. Es ist eine Sache, angesichts der eigenen Kenntnis "wahrer" Trauer (mit "eiskalter, alles plättender Hammer" sicherlich treffend umschrieben) die inflationäre Verwendung dieses Begriffes und die damit einhergehende Trivialisierung des entsprechenden Konzepts zu kritisieren. So weit gehe ich mit.
Während Deine Kritik bezogen auf den gesamtgesellschaftlich-abstrakten Umgang mit dem Trauerbegriff also angebracht ist, so ist es jedoch eine komplett andere Sache, sich herauszunehmen, die Betroffenheit
konkreter anderer Einzelpersonen ihrem "Qualitätsgrad" nach zu
beurteilen. Das ist in der Tat anmaßend. Es ist vollkommen menschlich und normal (und nicht etwa heuchlerisch), dass der Tod anderer Personen in uns komplett unterschiedliche Emotionen hervorruft, je nachdem in welcher Beziehung wir zu diesen Personen standen (auch "ein Fan von XY sein" ist eine gewisse, wenn auch einseitige Art von Beziehung). Reduktion von Komplexität ist hier das Zauberwort. Denn würde man diese (ja, strenggenommen "ungerechte") Abstufung nicht vornehmen, stünde man vermutlich tagtäglich vor der Wahl zwischen Psychiatrie und Strick.
Abgesehen davon halte ich es für eher zynisch, Trauerfälle gegeneinander auszuspielen. Trauerfälle sind per se schreckliche Ereignisse mit einem ganzen Rattenschwanz an extrem unschönen Aspekten (Tragik eines sehr frühen Todes; enge Freunde und Verwandte, für die unter Umständen eine Welt zusammenbricht; usw. usf.), undzwar unabhängig davon, ob der Verstorbene nun CEO von Nintendo ist, Terroropfer in Nigeria oder Flüchtling im Mittelmeer. Diese Ereignisse bewegen sich für die tatsächlich davon betroffenen Personen in emotionalen Dimensionen, wo eine Relativierung ihrer hochindividuellen Krise mittels "irgendwelcher" anderer Todesfälle eigentlich nur noch als schwere und zutiefst persönliche Beleidigung aufgefasst werden kann.
Drittens sollte man immer vorsichtig sein mit Vorwürfen wie "X geht euch nahe, aber Y ist euch egal!", da man in einem anonymen Internetforum tatsächlich überhaupt nicht wissen kann, was seinem Gegenüber egal bzw. nicht egal ist. Auch hier gilt: Bezogen auf die Gesellschaft als ganzes kann man einen wahrgenommenen Doppelstandard gern monieren, ihn jedoch einer Einzelperson zu unterstellen, ist böswillige Spekulation zu deren Lasten und somit letztlich eine Denunziation.