Hallo,
erstmal schönen Dank für das Interesse und die bisherige Diskussion!
Die "Vorsicht" kommt vermutlich daher, dass wir uns beim Talk bewusst auf einige wenige Aspekte (und da vor allem auf Spieldesign) konzentrieren wollten, damit wir uns nicht in diesem weiten Feld von Sexismus und Rassismus in Politik und Gesellschaft verlieren. Alice und ich hätten dann sicher zwei, drei Stunden frei von der Leber weg schnacken können, aber wir wollten euch das ersparen und das Video nicht über 30 Minuten schneiden. Wie seht ihr das eigentlich mit dieser Länge? Ist das schon zu viel oder hätte das an einem Stück doch ne Stunde gehen können?
Zu euren Fragen, Anregungen:
@Bambi0815:
"Niemand will langweilige hässliche Menschen in Videospiele".
Doch, ich! :wink: Vielleicht mit einer Einschränkung: Gerade die hässlichen Menschen sind meist alles andere als langweilig. Okay, das war jetzt überspitzt. Was ich sagen will: Wie fühlt es sich an, wenn der eigene Avatar nicht so attraktiv ist wie 99% der Videospielhelden? Wenn man auch mal abgewiesen wird? Nicht, weil man im (durchschaubaren) Dialog à la Mass Effeckt die falsche (also unterste) Antwort aussucht, sondern weil man schon vorher die Distanz spürt. Das würde mich auch in einem Rollenspiel reizen und geht gleich in die nächste Frage über...
@Brakiri: Geralt ist mir ja als Archetyp aus vielen Gründen sympathisch, aber als Held letztlich nicht sehr interessant für mich, weil er schon zu "fertig" und "perfekt" ist. Da hätte Elric von Melniboné mit seiner stärkeren Abhängigkeit von Drogen, er kann ja auch viel verwundbarer sein, und vor allem streitbaren Philosophie (Folter, Abstammung, Eliten... ) vielleicht mehr zu bieten. Als Rollenspieler würde es mir noch besser gefallen, einen durchschnittlichen, vielleicht in vielen Dingen unbegabten oder gar von einer Krankheit gezeichneten Helden zu spielen, der eben nicht ins Schema F der Attraktivität passt und daher ganz anders mit Frauen etc. umgehen muss. Der auch im Kampf nicht immer topfit und konterstark ist, sondern mit Niederlagen und Wunden leben muss. Eigentlich ist das ja auch in Pen&Paper-Runden nahezu immer der Fall...
@Skabus: Wir könnten vermutlich einen weiteren Talk zu all dem machen, was du angesprochen hast.

zu deiner Frage:
"MUSS ein Spiel denn tatsächlich, egal wie die Welt thematisch gelagert ist, politisch korrekt sein?"
Nein, muss es nicht. Es wäre sogar wünschenswert, wenn die Drehbücher mehr in die Kontroverse gehen. Ich kann Gewalt gegen Frauen, Ausgrenzung von Minderheiten nur thematisieren, wenn ich es irgendwie darstelle. Aber auch unter dieser "Skandalebene" von Sexismus und Rassismus gibt es ja interessante Themen wie die Armut, Ausbeutung, Doping, Lobbyismus, Bestechung etc. Die Spielewelt ist da noch sehr spießig oder vielmehr eingeschränkt, wenn man das mit Literatur und Film vergleicht. Die Rache- und Weltrettungsmotive überstrahlen noch alles. Aber es bewegt sich ja schon etwas, wenn man an Gone Home, Papers, please, Papo & Yo & Co denkt.
@mr archer: Sperrig ja, denn Der Herr der Ringe liest sich wie ferne Literatur - aber genau das macht seinen Reiz für mich aus. Die sprachliche und lebensanschauliche Modernität in der Fantasy kann ihr (manchmal) auch den Reiz nehmen. Ich muss auch nochmal eine runenverzierte Eschenlanze für Tolkien brechen, damit er da mit Genetik und Wagner nicht in der falschen Ecke hockt. Ich zitiere den Professor einfach mal:
„Ich habe den größten Teil meines Lebens […] auf das Studium germanischer Belange verwendet (in jenem allgemeinen Sinne, der auch England und Skandinavien umfasst). In dem germanischen Ideal steckt mehr an Kraft (und Wahrheit), als die Unwissenden meinen. […] Jedenfalls habe ich einen heißen persönlichen Groll gegen diesen verdammten kleinen Ignoranten von Adolf Hitler […]. Weil er den edlen nordischen Geist, jenen vortrefflichen Beitrag zu Europa, den ich immer geliebt und in seinem wahren Licht zu zeigen versucht habe, ruiniert, missbraucht und verdorben hat, sodass er nun für immer verflucht ist.“