Temeter hat geschrieben:Hier wird nichts von Saarkesian hinterfragt, sie analysiert nichts, sie geht auch keine mutigen und unübliche Schritte.
Da würde ich übrigens weitgehend zustimmen. Ihre Analyse besteht im Wesentlichen aus "stating the obvious", ansonsten zieht sich eine gewisse Oberflächlichkeit durch ihre gesamte Arbeit. Sie betreibt tatsächlich ausschließlich Oberflächenanalysen, sammelt, ordnet, typologisiert auf der rein äußerlichen Erscheinungsebene etc., ohne detailliert auf die Beispiele einzugehen, Kontexte mitzuliefern oder gar die gesellschaftlichen Wurzeln anzusprechen. Sie greift interessante Diskursstränge auf, nennt einige Beispiele und lässt sie dann relativ schnell gleich wieder fallen. Das alles tut sie, ohne das dezidiert-feministische Denkparadigma je zu verlassen. Man muss bei ihren Videos immer im Hinterkopf behalten, dass sie eine Denkschulen-Lobbyistin ist und beim diskursiven Tauziehen nur für ein bestimmtes Team arbeitet. Sporadisch wirft sie dann mal ein paar Kriminalstatistiken (z.B. Vergewaltigungen) ein, was durch diesen plötzlichen Schwenk von Medieninput zu realem Gewaltoutput allerdings plump und unbeholfen wirkt. Durch diese Unmittelbarkeit der implizierten Wirkzusammenhänge sicher auch etwas zu billig auf Reflexe/Affekte setzend. Da nimmt sie mMn auch den Leser/Zuhörer nicht richtig mit (bzw. nimmt diesen nicht 100% für voll).
Normalerweise wäre mir dieses "statin' the obvious" zu wenig. Deutlich zu wenig. Nun ist es aber leider so, dass ihre Kern-Resultate (mal vom ideologischen Füllmaterial losgedacht) für gar nicht wenige überhaupt nicht "obvious" sind. Oder sie halten den Diskussionsort Videospiele überhaupt nicht für derartige Betrachtungen geeignet. Oder sie hängen sich unentwegt an der Person auf. Oder sie blenden über die (in Teilen ja vollauf berechtigte) Methodenkritik, auf die sie sich versteifen, den inhaltlichen Kern fast vollständig aus. Und dann komme ich bei aller Kritik dann doch wieder schnell an den Punkt, an dem ihre Arbeit wieder relevant wird. Ab dieser Stelle kann man inhaltlich im Wesentlichen auf zwei Arten argumentieren:
Einmal kann man ihre Funktion als Impulsgeber und Türöffner betonen. Dass sie überhaupt mal ein kritisches geschlechterpolitisches Thema auf die Agenda der Öffentlichkeit bringt, mit dem man sich nun wohl oder übel beschäftigen muss. Etwas, das man lernen muss, das vielleicht auch ein Zeichen für das Erwachsenwerden eines noch recht jungen Mediums ist. Nämlich etwas, das man liebt, in Teilen auch offen zu kritisieren - und das als bereichernd (nicht bedrohend) zu empfinden. Hier wäre ich übrigens argumentativ zu Hause. Ich halte Sarkeesian für vollkommen ungeeignet, dieses Thema mit einer gewissen Tiefe, Qualität und Eigenständigkeit zu beackern, aber sie ist eine vortreffliche Marktschreierin für ein Anliegen, das ich allemal für wichtig und diskutierenswert halte. Zu mehr ist sie - gerade in ihrer selbstgewählten Position - nicht in der Lage, daher nehme ich diesen Spatz in der Hand gerne mit.
Auf der anderen Seite kann man dann das typische "Bärendienst-Argument" fahren, wie das auch in der (
imho ganz schwachen) 4P-Kolumne mit musterhafter Destruktivität durchexerziert wird: Es gäbe eine "An-und-für-sich-gute-Sache" (Feminismus, Frauen in Videospielen als generelles Thema), der Sarkeesian mit ihrer mediengeilen, penetranten und unwissenschaftlichen Herangehensweise aber massiven öffentlichen Schaden zufügen würde. Der Hauptvorwurf: Sie politisiert und ideologisiert krampfhaft einen "qua natura" unpolitischen Unschuldsraum zum Zweck reiner Selbstdarstellung und erzielt damit letztlich nur eine konfrontative Abschreckungswirkung. Zum einen ist das vorschnell und in unnötiger Weise, nämlich das Resultat vorweggreifend, final gedacht. Ob die Debatte Computerspielen und dem dazugehörigen Journalismus gut getan haben wird, sehen wir mal in 10 Jahren. Ihre Anknüpfungspunkte sind dermaßen mannigfaltig und einladend, dass Stand von heute =! Stand der Zukunft ist. Zum anderen degradiert das Bärendienst-Argument Sarkeesian zu einer Art demagogischem Spiele-Sarrazin, und das ist bei aller berechtigten Kritik an Teilaspekten ihrer Arbeitsweise dann doch etwas too much. Zu guter Letzt ist es natürlich immer Quatsch, dass Spiele nicht auch eine politisch-gesellschaftliche Dimension haben und unter diesen speziellen Vorzeichen untersucht werden können. Da bauen sich dann auch rasch Berührungsängste auf, die ich nicht verstehe.
Und bevor ich jetzt hier weiter einen halbtoten Thread sinnlos vollschwalle (ach ja, Ferien sind was Schönes

) und vollends den Faden verliere, beende ich das mal und glaube außerdem, dass wir da in vielen Fragen wahrscheinlich gar nicht so weit auseinanderliegen dürften. Du wohl eher auf der "Bärendienst-Seite", ich wohl eher auf der "Impulsgeber-Seite". Deinen "Vorwurf", dass ich sozusagen ein Repräsentant der optimistischeren Seite dieses ganzen Anita-Boheis bin, den man indes auch düsterer und fatalistischer bewerten kann, den lasse ich also liebend gerne auf mir sitzen.