Metal Gear Solid 5: The Phantom Pain: Epilog: Widersprüche in der Dramaturgie

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johndoe1464771
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Re: Metal Gear Solid 5: The Phantom Pain: Epilog: Widersprüche in der Dramaturgie

Beitrag von johndoe1464771 »

Ist schon etwas her, aber auch an dieser Stelle nochmal Lob für den Video-Talk, den ich mir bewusst so lange aufhob anzuschauen, bis ich TPP durchgespielt und mir eine PS4 zugelegt haben würde. War nämlich erst kürzlich soweit. :wink:

Ich habe MGS: TPP vor wenigen Stunden nun auch durchgespielt. MGS ist für mich eine der letzten großen Videospielreihen unserer Zeit, vielleicht sogar die größte wenn man bedenkt, dass die Geschichte mittlerweile über einen reellen Zeitraum von nunmehr 25 Jahren über mehrere Ableger erzählt und mit TPP komplettiert wird.

Die im Video besprochene Verwirrung über die im Prolog vorgenommene plastische Gesichtsveränderung deckte sich auch mit meiner Empfindung, die sich auch bei mir im Grunde über den gesamten Spielverlauf hielt und das Spielempfinden maßgeblich etwas trübte. Allerdings verschaffte die letzte Episode da dann doch das große Maß an Aufklärung, das man so sehnlichst erwartet hatte. Ich finde, dass das ein ziemlich genialer dramaturgischer Kniff von Kojima ist, so etwas über einen Spielhandlungsverlauf von 50 Stunden plus konsequent aufrechtzuerhalten. In der Retroperspektive ließen sich dann viele Ereignisse zwar erst am Ende des Spiels endlich plausibel erklären, doch wurde man hier selbst Teil des mythischen Legendenbildens, wie man es im Spielverlauf selbst nur durch Kassettenaufnahmen nachzuvollziehen hatte. Im Nachhinein aber ist es absolut genial festzustellen, dass Kojima im Prolog dem Spieler mit einer der ersten Zeilen des zwischen den Protagonisten gesprochenen Dialogs im Krankenhaus die Lösung der Handlung eigentlich schon vor Augen hält. Oder wenn man nachvollziehen kann, weshalb der Brennende Mann in Afghanistan plötzlich von Big Boss ablässt und "leblos" zu Boden fällt, obwohl er ihn doch jetzt endlich hätte töten können.

Absolute Zustimmung jedenfalls auch von meiner Seite zu den besprochenen Punkten dass Kojima es verpasst habe, die Atmosphäre des Krieges auch tatsächlich einzufangen. Ich erhoffte mir insbesondere ab dem Zeitpunkt des Lagers, in dem man Shabani finden sollte, eine deutliche Steigerung, da Kojima hier endlich wieder an die Grenzen des Videospielmediums vorgestoßen war, die Abstrusität des Krieges wirklich über den Bildschirm hinaus zu transportieren. Einige dieser Momente sollten im weiteren Spielverlauf zwar noch folgen, sie blieben jedoch in der Gesamtheit einfach zu schwach und zu selten gesät, um die Fratze des Krieges und die der Kriegswirtschaft wirklich fesselnd darstellen zu können. Auch ich hatte mir des Öfteren die Hände vors Gesicht geschlagen weshalb Kojima es verpasst, mehr atmosphärische Facetten des Krieges wie beispielsweise durch Flüchtlingsströme, Lynchjustizen oder Gefangenentransporte in die so große, aber dann doch irgendwie viel zu leere Spielwelt einzubinden. Auch dramaturgisch. Einen Flüchtling beispielsweise für die Diamond Dogs zu rekrutieren hätte einen ganz anderen Effekt auf die Glaubwürdigkeit der Handlung gehabt als nach und nach gediente Soldaten per Fulton zu extrahieren. Insgesamt vergibt Kojima mit derartiger Vernachlässigung hier einfach sehr viel an Glaubwürdigkeit seiner eigenen Inszenierung gegenüber. Open-World-Spiele wie Read Dead Redemption zeigten gar noch auf den alten Konsolen, dass in die Spielwelt integrierte, zufällige Ereignisse das Erleben ganz entscheidend zu Gunsten der Spielerfahrung beeinflussen können. Schade, dass das einfach nicht auffiel.

Insgesamt kann ich mich den weiteren Kritikpunkten nur anschließen, wie beispielsweise auch das etwas verloren wirkende Episodenformat oder das unglückliche Spoilern der Geschehenisse im Intro einer Episode. Und blicke dennoch auf ein sehr zufriedenstellendes Spiel zurück, da es spielerisch tatsächlich seine Vorgänger um Welten übertrumpft. Und zwar so sehr, dass ich mich an die spielerische Freiheit in einem MGS-Universum erst einmal gewöhnen musste, sie sich zunächst fremd anfühlte. Insbesondere in technischer Hinsicht ist das Spiel ein Meisterwerk. Hätte Kojima es geschafft, gerade die dramaturgischen Stärken aller Vorgänger auf gleichem Niveau fortzuführen, sie vielleicht sogar auch außerhalb von kleineren Levels oder Cutscenes in die aktive Spielwelt zu übertragen, hätte TPP möglicher Weise noch ein weiteres Jahr an Entwicklungszeit benötigt. Ich hätte es dem Spiel gegönnt. Und es wäre mit Sicherheit das beste MGS geworden. Es war abseits aller im Video besprochenen Schwachstellen auf einem guten Weg dorthin.