Hallöchen alle zusammen

Ich kann Bodo und Jörg ebenfalls zustimmen. Die SZ an sich wird ja gar nicht angegriffen. Aber es soll auch nicht dabei enden, dass ein promovierter Akademiker die Kunst nach _seinem_ Bilde definiert und dabei sich einen (kleinen) Teil des grossen Spielekuchens nimmt um mit ihm ein geschriebenes Exempel zu statuieren.
Klar, es gibt hier und da einige Perlen, die wahrlich als Kunst zu bezeichnen sind. Mein Namensvetter Mr. Payne z.Bsp. würde ich ohne Probleme mit Hong Kong Filme wie die von John Woo gleichsetzen. Obwohl ziemlich deftige Schusswechsel stattfinden und bei Treffern keine Rauchwölkchen sondern ganze Blutfontänen zu sehen sind, ist alles wie in einem Comic stillisiert und per Slow-Motion und Kameraführung völlig anders dargestellt als ein echter Strassenkampf in der Bronx.
Anderseits existieren auch viele \"Plastikspiele\", also Spiele aus der Retorte, die eher zum Kurzspektakel reichen. Im Film-Business existiert ja auch Trash-Video Releases a la \"Navi-Seals\" oder die unzähligen Chuck Norris & Steven Segall Produkte. Die sollen weniger eine Kunstform repräsentieren als eher den Appettit auf akrobatische Kickbox- und Actioneinlagen sättigen.
Aber weder Missing in Action, Alarmstufe Rot oder im künstlerischem Stile Matrix sind dazu \"erschaffen\" worden um als Trainingvideo für Massenschlachten zu dienen. Würde man nun ein Gewaltfilm generell verbieten weil dessen Szenen für kindliche Gemüter zu brutal sind - ganz ohne \"Umweg\" über Altersfreigabe - dann fragt man sich ob überhaupt noch Filme gedreht werden dürfte. Denn das Videoband als Ausdrucksmittel würde dann komplett nur noch dem \"Kunstgeschmack\" einer obrigen Organisation unterliegen. Nur das, was \"die da oben\" als \"Kunst\" durchgehen lassen, wäre dann als \"künstlerische Freiheit\" anerkannt und damit frei erhältlich.
Oder gibt es gar Kunst, welche man erst ab einem bestimmten Alter begreifen kann ? Dies vielleicht sogar wissenschaftlich deklariert ? Das wäre eine kleine Revolution! Wäre so cool wie Intelligenz in Tuben zu verpacken

Aber (leider ?) unterliegt der persönliche Geschmack in Sachen Kunst genauso wie die individuelle Interpretation eines \"Kunstwerkes\" keineswegs einer DIN-Norm sondern kann von jedem selbst bewertet werden. Der eine findet Rembrandt fantastisch und meidet Picasso wie die Pest, der andere sammelt dafür eher Warhols Pop-Art Werke und macht einen Bogen um die Mona Lisa.

Aber wenn man nun sagt, dass jemand der sich ein Bild ausdenkt, zeichnet und
per Photoshop verewigt nun als \"Produzent\" statt als \"Künstler\" durchzugehen MUSS, der schränkt damit nun wirklich ein bisserl die Kunstfreiheit an sich ein. Insbesondere wenn er einen solch globalen Satz wie im SZ-Kommentar abgibt, der absolut keine Unterscheidung zwischen Pixelblut oder Pixelpicasso erlaubt.
Ich habe auf Parties Leute gesehen, die Pixel für Pixel ein Bild gezeichnet haben um es zeitlich noch in der Competition abzugeben. Ich habe auch Spiele gesehen, dessen Sprites ebenfalls Pixel für Pixel handgezeichnet wurden. Und ich habe im Museum Bilder gesehen, die Tropfen für Tropfen verewigt wurden. Und in unserer modernen Welt hat sich eine neue Kunstform etabliert, in der Künstler die Elektronik mit einbeziehen. Videokunst kann man z.Bsp. bei der \"Art Prix Electronica\" gleich Stundenweise geniessen. Von Special Effects in Kinofilmen bis hin zu digitalen Kollagen von alten Werken, diesmal als 3D-rotierender Würfel auf dem Screen. Solche Werke sind eigentlich ohne Zweifel als Kunstwerk anerkannt.
Das Computerspiel gilt eigentlich genauso wie die Tafel Schokolade nicht gerade als Kunstwerk. Klar, die meisten haben noch Pac-Man vor den Augen und zuletzt die Blutsfontänen von den gefaketen Counter-Strike Bild-Bilder (die ja eher Soldier of Fortune US waren

). Das aber hinter solchen \"Killerspiele\" Pac-Man ..äh.. Team Factor & Co. kein Roboter steht der am laufenden Meter Blutsfontänen programmiert, sondern eine GRUPPE von denkenden MENSCHEN, die sich sichtlich Mühe geben aus leeren Festplatten ein lauffähiges Spiel zu machen, dies ist wohl unwichtig geworden. Man sieht eher das Produkt und weniger die Arbeit dahinter.
John Romero schnippt auch nicht mit den Fingern und zaubert damit die Doom-3 Engine zusammen. Genausowenig werden aus Bauklötze per Zauberspruch Schrotflinten. Und wenn ein Team eine Idee hat und sie von der Geistform in einen dicken Haufen von Bits und Bytes packt, dazu Grafiker anheuert um z.Bsp. in Silent Hill eine richtig blutige Umgebung zu schaffen und noch ein Orchester mit der Musikuntermalung beauftragt, dann frage ich mich wirklich wo noch der Unterschied zwischen \"Kinofilm\" und interaktiver \"Computerfilm\" besteht, wenn der Aufwand bei (einigen) Produkten so immens wird. Klar, ein Moorhuhn ist vielleicht ein bisserl entfern davon als Kunstwerk anerkannt zu werden. Ich würde es ebenfalls zu der Tafel Schokolade einordnen (lecker, aber man wird nicht satt

), doch dies trifft auf jegliche \"Kunstform\" zu ! Im Musikbusiness existiert ja auch One-Hit Bands und Plastikpop in Hülle und Fülle die nur dazu dient, die Kassen ein bisschen voller zu kriegen. Im Bildhauer-Bereich habe ich Skulpturen gesehen, da kräuselten sich mir die Haare auf den Zähnen zusammen

Da klebt jemand eine Zahnpastatube mitten auf einem Toilettendecken dran, schraubt das ganze auf einem Badezimmerspiegel ran und nennt es \"die tägliche Toilettenkunst\". Und sowas geht als \"Kunst\" durch

Also, wie man am Ende des ganzen geschriebenen Schwachsinns von mir erkennen kann: Kunst ist keineswegs per Masseinheit definierbar. Und wieso sollte dann ein Mensch, der sichtlich viel Mühe, Zeit und Arbeit investiert hat um ein Bild voll mit Zombies zu malen nicht genauso als Künstler anerkannt werden wie jemand der ein Feld voll mit Blumen malt ?
Letztenendes gilt es ja darum, die Atmosphäre am besten einzufangen und möglichst auf den Spieler, Zuschauer oder Kunstkritiker zu übertragen.
Naja, vielleicht brauchte Herr Käppner bloß ein dickes Gesprächsthema, bevor die ganze Thematik ins Nirvana verschwindet. Denn, wie man neuerdings merkt, wird der Mensch von Natur aus immer fauler. In den ersten Wochen nach dem 9/11 Anschlag war jede Handtasche bei den Linienflügen sofort als potenzielle Atombombe klassifiziert. Heute checkt man genauso (lasch) durch wie vor dem Anschlag. Beunruhigend, ja, und vielleicht wollte die SZ mit dem Kommentar die Brisanz wieder vor Augen führen. Aber dies ist nun wahrlich geschmacklos geschehen und war nun wirklich eher ein Schnellschuss der nach hinten losging.
-=MAX HEADROOM=- - Der Virus der Gesellschaft