Sexismus ist, finde ich, ein problematischer Begriff, weil er permanent falsch verwendet wird.
Die sexualisierte Darstellung von Personen ist an sich KEIN Fall von Sexismus! In diesem Begriff steht Sex nicht für englisch Sex - Geschlechtsverkehr, sondern für lateinisch Sexus - Geschlecht. Sexismus beschreibt die Diskriminierung nach Geschlecht, nicht die plakative Darstellung des Geschlechtsverkehrs oder der Geschlechtsorgane.
Was ist also sexistisch? Eine hypothetische Fantasywelt beispielsweise, in der alle weiblichen Charaktere Kettenhemdbikini zu Körbchengröße DD tragen und mit Ausnahme dieser einen tollen Schwertkämpferin eigentlich nur Staffage, Rettungsobjekte oder Betthäschen für die männlichen Helden darstellen. Hier wird nämlich eine Diskriminierung nach Geschlecht vorgenommen, die weiblichen Charaktere werden marginalisiert und sexualisiert - die männlichen aber nicht.
Und damit kommen wir auch schon zur zweiten Problemebene von Sexismus (und den meisten anderen -ismen): der Unterschied zwischen Realität und Fiktion. Kurz gesagt: in der Realität kann man auf diskriminierende -ismen komplett verzichten.
Was aber ist mit fiktiven Werken? Hier gibt es, denke ich, vier Kategorien.
Erstens: moderne Werke, die -ismen unkritisch einsetzen, vielleicht absichtlich, vielleicht auch unreflektiert, jedenfalls aber im vollen Ernst. Ein hypothetisches Buch also zB über die Dummheit des Negers, oder oben genannte Fantasywelt mit dickmopsigen Kettenhemdbikinischönheiten. - Solche Werke sollte man, ich sag`s mal so, nicht unbedingt vollumfänglich tolerieren.
Zweitens, moderne Werke, die -ismen scheinbar wie oben erwähnt einsetzen, aber tatsächlich eine karikierende oder satirische Absicht verfolgen. Das muss natürlich ger geneigte Leser auch erst mal kapieren

Drittens, historische Werke, die -ismen dem jeweiligen Zeitgeist entsprechend einsetzen. Man denke etwa an so gut wie jedes Werk bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Lovecraft, Howard, Heinlein, um mal ein paar Genreautoren zu nennen. Rassistisch (Der Innsmouth-Look? Eine Parabel auf Mischlingskinder), sexistisch (Frauen? Schwache, leichtsinnige Geschöpfe; der Held ist der Mann!) - you name it. - Diese Werke muss man mit einem Kommentar versehen und UNBEDINGT in ihrer ursprünglichen Gestalt BEWAHREN. Wer die Geschichte zensiert, fälscht sie, und wer die Geschichte fälscht, ist immer ein Arschloch.
Viertens, moderne Werke, die historische -ismen-Realitäten imitieren, da sie in den entsprechenden Zeiten - oder vergleichbaren Parallelzeiten - angesiedelt sind. Der historische Roman, der Fäntelalter-Roman. - Und das muss auch so sein! Nichts ist alberner als Werke, die zwanghaft versuchen, moderne Gesellschaftsbilder in historische Zeiten zu übertragen. - Natürlich muss man bedenken, dass gerade die großen Romanciers des 19. und 20. Jahrhunderts genau das getan haben; das Rom- und Mittelalterbild dieser Zeit war de facto ein Spiegel der kontemporären Vorstellungen, man lese nur Ein Kampf um Rom oder Quo Vadis. Damals hatte man Männliche Übermenschen und Das Ewig Lockende Weib; heutzutage hat man dann halt Die Starke, Selbstbewusste Frau und Den Mann Voller Selbstzweifel. Bäh.
Natürlich müssen gerade Autoren der Kategorie 4 HÖLLISCH aufpassen, in welche Richtung sie ihr Werk entwickeln. Bilden sie wirklich ein realistisches - oder eben pseudo-realistisches - historisches Gesellschaftsbild ab, oder übertragen sie doch nur moderne Vorstellungen in die Kettenhemdzeit und fügen ein bisschen Gewalt gegen Frauen hinzu, weil "das eben früher so war" (und sich außerdem super verkauft)? - Tricky. Da wäre man dann schnell wieder bei der ersten Kategorie.
Meiner Meinung nach spielen sich leider große Teile der modernen Fantasy-Inszenierung in Kategorie 1 und der schlechten Variante von 4 ab. Jedes Videospiel, das mit halbnackten Nachtelfen wirbt (und eher selten, wenn überhaupt, mit halbbackten Orkbarbaren). Jedes Werk mit überflüssigen Sexszenen, die zumeist aus der männlichen Perspektive heraus inszeniert sind. - Und natürlich ist de facto jedes Rollenspiel rassistisch, denn es diskriminiert fundamental nach Rassenzugehörigkeit (ALLE Orks sind dümmer, ALLE Elfen sind geschickter) - wer das nicht findet, ersetze bei D&D mal "Elf" durch "Asiat" und "Halbork" durch "Schwarzer". Huch! - Allerdings lässt sich drüber streiten, ob derart plakativer und gamistischer Rassismus zumal in einem ganz klar als fiktional gemarkten Bereich wirklich problematisch ist oder nicht eher ein Fall von Kategorie 2.
Die Witcher-Welt hingegen ist für mich ein ganz klarer Vertreter der guten Kategorie 4, schön gewürzt mit Kategorie 2. Sapkowski ist ein Autor mit dem Wissen und der Vorgehensweise eines Historikers; man lese nur einmal seine Trilogie zu den Hussitenkriegen. Seine Witcher-Welt ist ein rundes, in sich geschlossenes Szenario, das -ismen vollkommen absichtlich plakativ präsentiert und gerade dadurch lebendig und greifbar wird. Dabei ist allerdings, und die Unterscheidung ist wichtig, nicht der Autor -istisch, sondern seine Figuren sind es in ihrem Handeln - aber nicht in ihrem Sein. Die sapkowskischen Zwerge SIND NICHT gierig und diebisch, die Elfen NICHT hinterhältig und gemein, die Menschen NICHT durchgehend grausame Umweltvernichter - aber sie behandeln sich gegenseitig entsprechend, weil sie es voneinander glauben - oder weil sie die entsprechenden Ressentiments gezielt einsetzen! Und NATÜRLICH erscheinen gelegentlich auch Charaktere, die dem Klischee entsprechen - es wäre albern, gerade diese Facette auszusparen.
Damit ist die Witcher-Welt ein Zerrspiegel der Realität; ja, die grundlegende Botschaft der Serie liegt sogar in der Darstellung der -ismen, in der Darstellung der letztendlichen Grundlosigkeit von Gewalt und Hass.
Generell ist in der Witcher-Serie der "interne" Rassismus übrigens deutlich wichtiger als der Sexismus. Frauen werden eigentlich nicht in übermäßiger Weise als marginalisiert oder unterdrückt dargestellt, jedenfalls nicht in einem das Historisierende überschreitenden Maße; im Gegenteil begegnen wir Zauberinnen, Kriegerinnen, Herrscherinnen, Räuberinnen, Priesterinnen mit eigener Agenda und aktivem Charakter. Ja, einige dieser Charaktere instrumentalisieren ihre Sexualität. Aber eben NICHT als passive Sexobjekte von männlichen Gnaden, sondern als selbstbewusste, aktive Akteure, die Sex zum Lustgewinn und als Waffe verwenden. Vulgo: wie Männer. - Und auch unser Held Geralt ist zwar sexuell aktiv, aber keineswegs als conanesker Retter und Besteiger von Bikinimädchen, sondern de faco zumeist als Lustobjekt irgendwelcher Zauberinnen, die gerne mal ein Nümmerchen mit dem attraktiven Freak schieben und ihn ansonsten eher ausnutzen.
In den Witcher-Spielen wird, kurz gesagt, diese sapkowskische Perspektive eigentlich ganz gut umgesetzt. Allerdings verfallen CDPR auch, und das muss man zugeben, in Auswüchse von Kategorie 1; mit dem Tittensammelkartenspiel aus dem ersten Witcher, mit den Playboy-Aktionen der virtuellen Triss aus dem zweiten Teil und mit dem infamösen "18 Stunden Sexszenen"-Werbetweet zu Wild Hunt. Das ist ein reiner Fall von "Sex sells", genauer, "nackte Weiber verkaufen sich gut bei männlichen Jugendlichen aka Gamern", und das ist sexistisch.
Allerdings, und das spricht für den Hersteller, habe ich das Gefühl, dass diese Elemente für Teil 3 schon deutlich reduziert wurden. Es gibt keine Sammelkartenspiele mehr und das Spiel eröffnet nicht mit Triss Merigolds Hupen, sondern mit einer FSK 12 Rückenansicht von... Spoiler. Dass es leicht bekleidete Zauberinnen und dann doch mal die ein oder andere Sexszene gibt - das entspricht alles dem Buchhintergrund und hat auch einen Sinn in der Welt (ja, Zauberinnen kleiden sich mit Grund besonders aufreizend, und es gibt auch eine Erklärung, warum alle Zauberinnen aussehen wie Models) bzw. geht nicht über ein wenig illustratives Beiwerk hinaus, bei dem Geralt übrigens mindestens so häufig oben Ohne zu sehen ist wie seine Gespielinnen.
tl;dr: Witcher 3 ist nun wirklich kein problematisches Beispiel für Sexismus und Rassismus in Videospielen; wenn überhaupt, dann handelt es sich um ein Beispiel dafür, wie man es (zum größten Teil) richtig macht!