Grüße!
Ich hätte nicht gedacht, dass ich mir mal die Zeit nehme, einen derartigen Artikel zu kommentieren. Obwohl schon seit rund 11 Jahren in der Branche als Redakteur tätig (Tronic-Verlag, BriStein, Axel Springer Verlag, Gameplex, GBase, GamesDynamite), bin ich erst während meines Gothic-3-Tests erstmalig auf Sie aufmerksam geworden, Herr Luibl. Ihre Vorstellung des Spiels hatte nämlich genau den Punkt getroffen. Dafür nachträglich ein Lob, denn Ihrem Test hatte ich in meiner Version kaum noch etwas hinzuzufügen. "Endlich jemand, der in die gleiche Kerbe schlägt", dachte ich mir. Die darauf folgenden Reaktionen dürfte sich ein jedes Online-Magazin nur wünschen. Sind wir nicht alle ziemlich klickbedürftig, um überstehen zu können?
Es gibt weitaus weniger Wege zu vielen Lesern, als Leser selbst, das macht unseren Job so schwierig.

Jedenfalls: Die Reaktionen bekamen Ihnen anscheinend nicht sonderlich gut. Ich kann Ihr Klagen über "bestochene" Redakteure ja nachvollziehen. Das ist etwas, worüber ich mich schon seit Jahren aufrege - weshalb mir Presseparties und Ausflüge immer zuwider waren. Denn selbst da fängt schon ganz unterschwellig die Verführung zur besseren Bewertung an. Und selbst wenn grinsende PR-Tussis die Redaktionen aufsuchten, um dort (an der Seite ihrer angeflogenen Spieleentwickler) ihre Spiele zu präsentieren, überkam mich ein unerträgliches Gefühl von Langeweile und Abneigung. Jedes Mal. Denn mir war klar: Die Sache hat einen Zweck. Aber der Minirock funktioniert bei mir nicht. Ich sehe gut aus, war selten Single. Mich plagten also nicht die unerfüllten Bedürfnisse anderer Gamejunkies. Und vom Spiel bilde ich mir schließlich selbst ein Urteil, wenn ich es teste. Wozu dann die affige Vorführung? Okay, es gab manches Mal Pressegeschenke. T-Shirts immer und immer wieder. Und zwar derartig hässliche T-Shirts, dass man sie immer im Schrank verstaute, mit dem Bewusstsein, irgendwann ja mal wieder Malerarbeiten durchführen zu müssen. Praktisch.
Wie dem auch sei. Ihre Ausführungen halte ich für derartig übertrieben, pathetisch und schädlich polarisierend, dass ab der Hälfte des Artikels Schluss mit dem Interesse war. Anderen Magazinen, die sich in Ihre Ausführungen einklinken, vorzuwerfen, "profilierungssüchtig" zu sein, grenzt fast schon an eine Frechheit. Einen Lone Soldier brauchen wir hier nicht. Banner tragen Sie bitte besser im Capture-the-Flag-Modus eines Spiels Ihrer Wahl vor sich her. Da schwingt schon fast ein wenig Größenwahn mit, zumindest etwas Geltungsbedürfnis.
Dass es Absprachen gibt, ruhig auch mal Tests etwas ausführlicher gehalten sind, wenn es Testmuster im Vorfeld gibt, halte ich in diesem Business für völlig normal. Nicht gut, aber vertretbar. Das grenzt Spielemagazine auch nicht von angeseheneren Vertretern der Presse ab. Auf die Bewertung sollte dies selbstverständlich keinen Einfluss haben. Leider Gottes nehmen es aber gerade die Magazine mit dem Pressekodex nicht sonderlich ernst (etliche Publikationen des Springer Verlags jetzt mal ausgeschlossen), die ums Überleben kämpfen, oder völlig neu sind. Gerade von den neuen Internetportalen vegetieren mittlerweile im Internet VIEL ZU VIELE vor sich hin! Schüler, die einfach gerne bemustert werden möchten, eine schäbige Plattform mit noch schäbigeren Texten aufbauen (muss sein:
www.mega-gaming.net) und seriöse Portale in Ihren Arbeiten stören. Für PR-Manager muss es mittlerweile eine ungeheure Qual sein, gut von schlecht bei der Bemusterung unterscheiden zu müssen. Es sollte demnach auch Ihnen klar sein, derartige Bettel-Magazine nicht sonderlich ernst nehmen zu dürfen. Ziehen Sie aber bloß nicht die gesamte Branche in den Dreck!
Um auch mal etwas Positives aufzuführen: aus meiner Zeit als Redakteur für die Computer BILD Spiele weiß ich, dass es auch anders laufen kann. Dort werden keine Vorabversionen oder Betas getestet (was SEHR gut ist!), dort werden Spiele out-of-the-box getestet (so, wie sie der Kunde im Laden kauft - was ebenfalls gerade Ihnen sehr gefallen dürfte - und nur bei Patch-Notbedarf abgewertet) und die Anzeigenabteilung regelt völlig getrennt von der Redaktion ihre Angelegenheiten. Schön, oder? Mag man gar nicht glauben. Aber so ist es. Und warum ist das so? Weil es sich ein Verlag wie Axel Springer bei den Auflagen erlauben kann, so zu handeln. Dort stehen die Publisher Schlange, und nicht anders herum. Weil eine Bewertung in der CBS deutliche Auswirkungen auf den Massenmarkt hat. Am Ende könnte hier eine Diskussion darüber entstehen, auch eine moralische, was besser ist: der Tante-Emma-Laden umme Ecke, oder der Wal-Mart eine Straße weiter. Sinnlos also.
Das Thema könnte unendlich ausgeweitet werden. Es führt aber zu nichts. Ich sag abschließend einfach mal "pfui!" zu Ihrem Artikel und widme mich jetzt wieder einem Spieltest, der mir Spaß macht. Denn darum sollte es ja hauptsächlich gehen, und nicht um Schwarzmalerei. Irgendwo stimme ich mit Ihrer Argumentation überein, aber längst nicht in allen Punkten. Sie neigen schließlich dazu, die Dinge nun zu übertreiben. Hab ich eigentlich schon mal erwähnt, dass Ihr Gothic-3-Test großartig ist?
Lieber Gruß,
Thomas Richter, GBase/GamesDynamite (ach du scheiße - Profilierungssucht!)