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Beschneidung - was wiegt stärker?
Verfasst: 27.06.2012 06:23
von Scorcher24_
Ein Arzt, der einen Jungen aus religiösen Gründen beschnitten hat, wird nur deshalb freigesprochen, weil er nicht wusste, dass sein Handeln strafbar war. Diese Argumentation ist ab sofort versperrt: Das Kölner Landgericht erklärt Beschneidungen für illegal. Der Zentralrat der Juden fordert den Bundestag auf, "Rechtssicherheit zu schaffen".
Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat das Urteil des Kölner Landgerichts zur Beschneidung von Jungen scharf kritisiert. Der Richterspruch sei "ein beispielloser und dramatischer Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften", heißt es in einer Erklärung des Zentralrats.
Zentralratspräsident Dieter Graumann sagte, das Urteil sei "ein unerhörter und unsensibler Akt". Die Beschneidung von neugeborenen Jungen sei fester Bestandteil der jüdischen Religion und werde seit Jahrtausenden weltweit praktiziert. "In jedem Land der Welt wird dieses religiöse Recht respektiert."
Als Konsequenz aus dem Urteil fordert der Zentralrat vom Gesetzgeber, "Rechtssicherheit zu schaffen und so die Religionsfreiheit vor Angriffen zu schützen". Der Zentralrat der Muslime hat sich bislang nicht zu dem Urteil geäußert.
http://www.n-tv.de/politik/Juden-forder ... 91501.html
Was wiegt eurer Meinung nach stärker? Das Selbstbestimmungsrecht des Kindes oder das religiöse Ansinnen der Eltern?
Re: Beschneidung - was wiegt stärker?
Verfasst: 27.06.2012 08:48
von johndoe460366
Ich finde, dass die körperliche Unversehrtheit des Kindes absoluten Vorrang hat und solange es keine medizinische Indikation gibt, sollte es verboten sein. Über das Für und Wider von Beschneidungen zu diskutieren ist müßig - es ist ein irreversibler Eingriff, über den eine betroffene Person allein selbst entscheiden sollte (allerdings nicht im Kindesalter).
Re: Beschneidung - was wiegt stärker?
Verfasst: 27.06.2012 09:17
von Worrelix
- Für Selbstbestimmung (wie schon gesagt: Beschneidungsentscheidung nicht schon im Kindesalter [da aber dann auch nicht stellvertretend durch Erziehungsberechtigte])
- Gegen ein Beschneidungsverbot (Wenn ein erwachsener Mann das machen lassen will, warum nicht?)
- Gegen "religiöse Handlung" als ultimatives nichtanfechtbares Argument. Schliesslich könnte man sonst auch im Gottesdienst regelmäßig Erstgeborene opfern, um seinen Glauben zu beweisen, wie es Abraham auch getan hätte.
Re: Beschneidung - was wiegt stärker?
Verfasst: 27.06.2012 09:22
von Almalexian
Alastor hat geschrieben:Ich finde, dass die körperliche Unversehrtheit des Kindes absoluten Vorrang hat und solange es keine medizinische Indikation gibt, sollte es verboten sein. Über das Für und Wider von Beschneidungen zu diskutieren ist müßig - es ist ein irreversibler Eingriff, über den eine betroffene Person allein selbst entscheiden sollte (allerdings nicht im Kindesalter).
+1
Ich gehe sogar noch weiter und fordere, dass man erst mit der religiösen Mündigkeit überhaupt eine Religion annehmen kann. Vllt. würde dann endlich die unsägliche Macht der Kirchen in Deutschland "beschnitten", ein Großteil ihrer Einnahmen fließt aus Einkommen, deren Beschaffer per Geburt daran gebunden wurden, was bei vielen in etwa soviel Bedeutung hat wie ein von Geburt aufoktroyiertes Zeitungsabo. Es fließt Geld ab, aber man findet keine Zeit, es zu kündigen.
Re: Beschneidung - was wiegt stärker?
Verfasst: 27.06.2012 09:34
von crewmate
Natürlich hat die körperliche Unversehrtheit vorrang.
Außer sie geschieht aus medizinischen Gründen.
Etwa weil die Vorhaut zu lang ist.
Aber das ist nicht das Thema. Sonst hätte ich "Andere Meinung" angeklickt.
Re: Beschneidung - was wiegt stärker?
Verfasst: 27.06.2012 09:35
von PanzerGrenadiere
ich bin für das urteil und jedesmal wenn ich was zum zdj lese bekomme ich eh kopfschmerzen.
Re: Beschneidung - was wiegt stärker?
Verfasst: 27.06.2012 09:42
von Levi
Worrelix hat geschrieben:- Für Selbstbestimmung (wie schon gesagt: Beschneidungsentscheidung nicht schon im Kindesalter [da aber dann auch nicht stellvertretend durch Erziehungsberechtigte])
- Gegen ein Beschneidungsverbot (Wenn ein erwachsener Mann das machen lassen will, warum nicht?)
- Gegen "religiöse Handlung" als ultimatives nichtanfechtbares Argument. Schliesslich könnte man sonst auch im Gottesdienst regelmäßig Erstgeborene opfern, um seinen Glauben zu beweisen, wie es Abraham auch getan hätte.
und ich gebe vor allem hierfür mein +1
Re: Beschneidung - was wiegt stärker?
Verfasst: 27.06.2012 09:57
von Wulgaru
Das ist eine Praxis, die Jungen normalerweise nicht schadet. Natürlich ist es bedauerlich, dass dieser Eingriff hier offenbar fehlerhaft durchgeführt wurde, aber es ist sehr einfach dagegen zu wettern, wenn man selbst kein Teil der betroffenen Religionen ist. Mit der gleichen Logik müsste übrigens eine Impfung bei einem Kind strafbar sein, weil auch dort ein minimales Restrisiko besteht und man wohl kaum von Selbstbestimmung reden kann...und viele andere Dinge die einem Kind einfach "befohlen" (wenn überhaupt) werden.
Anders würde sich das verhalten wenn es um Frauen ginge, bei denen so etwas tatsächlich schwere Körperverletzung ist.
Re: Beschneidung - was wiegt stärker?
Verfasst: 27.06.2012 10:12
von crewmate
Mit der gleichen Ansicht argumentieren dann auch die Impfung-Verweigerer Eltern.
HORAY 4 POLIO!

Re: Beschneidung - was wiegt stärker?
Verfasst: 27.06.2012 10:14
von johndoe460366
Ich bin kein großer Freund von Impfungen, aber ich würde Beschneidung ohne triftigen Grund eher mit der spontanen Entfernung der Mandeln vergleichen.
Meiner Meinung nach ist es schon ein Unterschied, ob aus Jux und Tollerei am Körper herumgeschnipselt wird, oder ob zu präventiven Zwecken eine Spritze gegen Tetanus oder Kinderlähmung verabreicht wird. Es sollte jedenfalls kein Zwang ausgeübt werden, sondern das Wohl des Kindes im Vordergrund stehen - nur die Definition dessen ist schwierig.
Re: Beschneidung - was wiegt stärker?
Verfasst: 27.06.2012 10:15
von Almalexian
Wulgaru hat geschrieben:Das ist eine Praxis, die Jungen normalerweise nicht schadet. Natürlich ist es bedauerlich, dass dieser Eingriff hier offenbar fehlerhaft durchgeführt wurde, aber es ist sehr einfach dagegen zu wettern, wenn man selbst kein Teil der betroffenen Religionen ist. Mit der gleichen Logik müsste übrigens eine Impfung bei einem Kind strafbar sein, weil auch dort ein minimales Restrisiko besteht und man wohl kaum von Selbstbestimmung reden kann...und viele andere Dinge die einem Kind einfach "befohlen" (wenn überhaupt) werden.
Anders würde sich das verhalten wenn es um Frauen ginge, bei denen so etwas tatsächlich schwere Körperverletzung ist.
Beschneidungen bieten aus medizinischer Sicht nur eine minimale Hygieneverbesserung und mindern ein wenig das Krankheitsrisiko in dem Bereich. Dafür sind Männer ein Leben lang mit dieser, auch religiös konnotierten, Veränderung des Körpers gezeichnet. Eine Impfung dagegen, macht medizinisch außerordentlich viel Sinn und das Restrisiko besteht bei beiden Eingriffen, ist aber bei einer Impfung, durch den Nutzen, vertretbar.
Im Übrigen ist es tatsächlich sehr leicht, von außerhalb der Religionsgemeinschaften dagegen zu argumentieren. Das liegt aber vorallendingen daran, dass die Befürworter seid Jahrhunderten denselben Käse als Argumente anführen, wie alle Religionen. Sie nehmen an, es sei der Wille Gottes (Beweis fehlt nach wie vor, sollte man langsam mal nachreichen) bzw. der einzig richtige Weg, ihm zu huldigen und pochen dabei auf ihre Religionsfreiheit, wollen aber dabei nicht verstehen, dass es um die religiöse Selbstbestimmung des Kindes, nicht ihre Selbstbestimmung geht und sie einen recht einschneidenden Schritt im Leben des Kindes, der problemlos auch auf später verlegt werden kann (Niemand hier möchte Beschneidungen generell verbieten), nicht in ihrer Hand liegt.
Es gab Zeiten, wo medizinische Gründe für diverse religiöse Regeln noch ihre Gültigkeit hatten. Aber diese Zeiten sind längst vorbei, die medizinischen Argumente sind vorgeschoben, es geht nur um das Ritual an sich.
Re: Beschneidung - was wiegt stärker?
Verfasst: 27.06.2012 10:18
von Boesor
Almalexian hat geschrieben:
+1
Ich gehe sogar noch weiter und fordere, dass man erst mit der religiösen Mündigkeit überhaupt eine Religion annehmen kann. Vllt. würde dann endlich die unsägliche Macht der Kirchen in Deutschland "beschnitten", ein Großteil ihrer Einnahmen fließt aus Einkommen, deren Beschaffer per Geburt daran gebunden wurden, was bei vielen in etwa soviel Bedeutung hat wie ein von Geburt aufoktroyiertes Zeitungsabo. Es fließt Geld ab, aber man findet keine Zeit, es zu kündigen.
Wer wirklich aus der Kirche austreten will findet sicherlich die zeit "zu kündigen", bevor die Kirche auch nur einen cent des Einkommens gesehen hat.
Was ich nicht gerade gelungen finde ist, dass der Austritt mit Kosten verbunden ist.
Das sollte abgeschafft werden.
Re: Beschneidung - was wiegt stärker?
Verfasst: 27.06.2012 10:19
von JesusOfCool
das ganze geht ja so weit, dass es bereits methoden gibt wie beschnittene männer ihre vorhaut zurück bekommen können. alleine das zeigt schon, dass beschneidung im kindesalter nicht ganz korrekt ist.
Re: Beschneidung - was wiegt stärker?
Verfasst: 27.06.2012 10:19
von Wulgaru
Aber wie gesagt....ich finde das zynisch. Die Beschneidung ist ein harmloser Eingriff und Kinder bei denen das gemacht wurde kennen es nicht anders...es ist nicht so als wenn das irgendwie eine Behinderung wäre. Nur eben ein Teil der jeweiligen Religionsgemeinschaft....zu welcher zum Beispiel die Autoren des n-tv-Artikels schon mal nicht gehören: "Juden fordern...." pff...
Re: Beschneidung - was wiegt stärker?
Verfasst: 27.06.2012 10:24
von Zappes
Mal ganz abgesehen von vielen anderen Argumenten funktioniert das deutsche Recht nun mal so, dass es stes für alle in gleicher Weise gilt oder zumindest gelten soll. Es gibt Religionen, die die "Frauenbeschneidung" fordern. Würde man einer Religion die Männerbeschneidung erlauben, müsste man der anderen die Genitalverstümmelung bei Frauen erlauben - das wäre nur konsequent. Da man das eine nicht haben will, muss man halt auch das andere verbieten, so einfach ist das.