Kritik an dem Test von Bulletstorm
Verfasst: 07.03.2011 11:42
Liebe Community,
ich habe vor einiger Zeit Kritik an dem Test von Bulletstorm geäußert in der Hoffnung, damit eine wirklich gute Debatte über Gewalt in Computerspielen auszulösen.
Ich persönlich bin seit mehr als 15 Jahren begeisterter Spieler und schätze auch solche Meisterwerke des Horrors wie Dead Space.
Aber ich habe es echt satt, dass solche Tests wie der von Bulletstorm, die sich in keiner Weise kritisch mit der Gewalt im Spiel auseinandersetzen, die Klischees von Computerspielern bestätigen, die Gewalt verherrlichend sind.
Ich zähle zu denen, die trotz der Faszination für gewalttätige Inhalte dafür plädieren, dass es ab und zu in Diskussionen möglich sein muss, über gewisse persönliche und gesellschaftliche Grenzen zu diskutieren, ohne dass 4PLAYERS in so einem Test wie dem von Bulletstorm die immergleichen, einseitigen Argumente hervorbringt, die sich anhören wie dies eines Gewaltsüchtigen, der Angst davor hat, dass man ihm seine Droge entzieht.
Anbei der Brief an den Tester.
Was meint Ihr?
Sehr geehrter Herr Kautz,
nachdem ich heute den Bulletstorm Test auf 4PLAYERS.DE gelesen habe, habe ich mich dazu entschieden, einen Kommentar zu dem leidigen Thema „Gewalt in Computerspielen“ zu verfassen, den ich Ihnen auf diesem Wege gerne zukommen lassen würde. Entschuldigen Sie bitte, dass ich mich an Sie wende, aber es erscheint mir die schnellste Möglichkeit zu sein, meiner Meinung Gehör zu verschaffen.
Ich bin Jahrgang 1981, und seit ich denken kann begeisterter Computerspieler. Der erste „Leisure Suit Larry“ war witzigerweise das erste Computerspiel überhaupt, das ich heimlich am PC eines Freundes der Familie spielte. Man könnte also behaupten, dass ich schon früh mit Computerspielen in Berührung gekommen bin, die „nichts für Kinder“ sind. Soweit ich mich erinnern kann, fand ich es als unter 10Jähriger spannend, mit Larry Kondome im Supermarkt zu kaufen und feuchtfröhliche Abenteuer zu erleben, und es hat meiner Sexualität hoffentlich bis heute nicht geschadet. In meinem späteren Leben habe ich Soziologie, Psychologie und Politik studiert und forsche seit vielen Jahren nach der Ursache für die in der Wissenschaft so betitelten „School Shootings“. Ich arbeite dabei interdisziplinär und kann Ihnen schon jetzt sagen, dass weder die Kriminologie, noch die Soziologie und die Psychologie die Frage entscheidend beantworten können, warum ein junger Mensch sich dazu entscheidet, in eine Schule zu gehen und Menschenleben zu nehmen. Interessanterweise kommt der zu wenig beachtete Zweig der Sozialpsychologie einer Art von offenem Erklärungsmodell meines Erachtens am nächsten, da er die Schnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft untersucht. Die Erklärungsursachen für solch eine Tat sind also in vielfältigen, komplexen und sich überschneidenden Hintergründen zu suchen. Die Psychologie sucht in der persönlichen Erfahrungsgeschichte und im Elternhaus des Täters nach Motiven, die Kriminologie versucht „Verführungsmomente“ auszumachen und die Soziologie nimmt die Gesellschaft in den Blick. Auch die Institution Schule und Computerspiele dürfen bei dieser Analyse natürlich nicht fehlen. Schon an dieser Stelle kann ich Ihnen sagen, dass es keinen wissenschaftlich erwiesenen Zusammenhang gibt zwischen einem gewalttätigen Computerspiel und einer tatsächlichen Gewalt, und wenn, dann sind diese Zusammenhänge sekundär. Der mediale Umgang mit School Shootings und Computerspielen spiegelt den Umgang einer Gesellschaft mit Konflikten wieder, die die Ursachen von Gewalttaten einem gestörten Individuum zuschreibt und somit das Potential unterwandert, gesellschaftliche Zusammenhänge zu hinterfragen, zu kritisieren und zu verändern. Die School Shooter kommen aus der Mitte der Gesellschaft, die eigentlich mit ihren bürgerlichen Werten für die Tugenden unserer Gesellschaft herhalten soll. Auch ich bin kein Freund von einem Christian Pfeiffer, der sich im Kameralicht sonnt und mit vorschnellen Argumenten zu verführen sucht.
Seit der Weltwirtschaftskrise findet die Kapitalismuskritik zum Glück wieder Zugang in wissenschaftliche Analysen. So komme auch ich zu dem Urteil, dass der Spätkapitalismus in seiner natürlichen Gier zur Profitmaximierung unseren intimsten Alltag Logiken der Verwertbarkeit und Leistungsideologie unterworfen hat, die z.B. dazu führen, dass fast niemand mehr sich Kinder „leisten“ kann, weil sie ein Risiko für die eigene Karriere darstellen und unter den modernen Belastungen des Arbeitsmarktes kaum erziehbar sind, schlicht und ergreifend weil die Zeit, die Kraft und die Aufmerksamkeit dazu fehlen. Wir werden dazu erzogen, uns selbst als warenförmige Objekte wahrzunehmen, die sich der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt aussetzen müssen, ob sie wollen oder nicht. Ein kluger Mensch hat über School Shootings einmal gesagt, dass sich auf Objekte nun einmal leichter schießen lässt als auf Menschen.
Nun gibt es meiner Meinung nach zwei Möglichkeiten, die steigende explizite Gewalt medialer Inhalte zu erklären. Die eine liegt in der Entwicklungsgeschichte des Menschen begraben. Gewalt ist zu jedem Zeitpunkt Teil der menschlichen Existenz gewesen. Ohne Aggressivität, die in der Psychologie übrigens zum Teil mit konstruktiver Lebensenergie gleichgesetzt wird, hätte der Mensch es vermutlich niemals so weit gebracht. Auch die Zivilisation hat die Gewalt nicht aus dem Menschen verdrängt, sie ist lediglich abstrakter geworden. Es gibt also einen quasi sinnlichen Zusammenhang zwischen Gewalt und dem Menschen, und auch ich bin ein Vertreter der Meinung, dass in der Fantasie alles erlaubt ist. Boxkämpfe, Horrorfilme und auch gewalttätige Computerspiele erzeugen in mir ein Kribbeln, dass sehr lebendig ist, eine Erregung, die ich als Genuss wahrnehme.
Die zweite Möglichkeit, die steigende Gewalt medialer Inhalte zu erklären, liegt in der neoliberalen Umstrukturierung von Mensch und Gesellschaft begründet. Unsere Gesellschaft wird zunehmend weniger sozial, und so kann sie nur schwer glaubhafte Inhalte produzieren, die sozial sind. Die Sehnsucht des Menschen, immer explizitere Gewalt zu konsumieren, entspricht dem Zuwachs an gesellschaftlichem Druck, den er als Individuum verspürt. Oft wird das Argument herangezogen, dass ein Künstler für die Inhalte seiner Kunst nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann. Diese Vorstellung ist tatsächlich völlig absurd, da ein Künstler nur für seinen Erfolg verantwortlich sein kann, nicht aber für den sozialen Nährboden, auf den seine Kunst trifft. Slipknot, Marilyn Manson, Bushido und unzählige andere Künstler weisen jegliche Schuld von sich, wenn ihre Kunst mit Akten der Gewalt in Verbindung gebracht, doch was sie dazu bringt, ist nicht etwa eine ideelle Überzeugung, sondern eine pragmatische Angst davor, dass ihr künstlerischer Erfolg in Gefahr gerät, wenn sie selbst diesen Zusammenhang auch nur im Ansatz bestätigen würden. Kommerzielle Kunst lebt von ihrer Verkaufbarkeit, nicht von ihrer Gesellschaftskritik.
Künstler in der kommerziellen Computerspielbranche geben den Spielen das, was sie am meisten konsumieren wollen: militärische Gewalt, exzessives Töten, Selbstjustiz, Heldentum. Die Nachfrage regelt auch in diesem Fall den Markt. Es sei an dieser Stelle kurz gefragt, ob sich darin auch Gewaltfantasien und Selbstermächtigungsstrategien gegenüber einem von wirtschaftlichen und nicht sozialen Interessen gelenkten staatlichen Gefüge widerspiegeln.
Ich muss gestehen, dass ich das Festhalten von 4PLAYERS an der Unbedenklichkeit von Gewaltexzessen in Computerspielen als trotzig und antiquiert empfinde. Es wirkt auf mich wie die Reaktion eines Kindes, das sich partout weigert einzusehen, dass man gewisse Themen auch anders beleuchten kann, ohne es dabei zu übertreiben. Selbst Gametrailers.com, deren Tests normalerweise bei mäßigen Spielen in übertriebene Lobgesänge ausarten, hat kritisch wenn auch kurz die Gewaltdarstellung in Bulletstorm reflektiert. Die Gamestar, die üblicherweise genauso einseitig argumentiert, wie 4PLAYERS das in Bezug auf Gewalt zu tun pflegt, hat in ihrer Februarausgabe einen langen Leserbrief veröffentlicht, der für einen reflektierten Umgang mit Gewalt in Computerspielen appelliert. Die Reaktion von 4PLAYERS auf Kritik an gewalttätigen Inhalten in Computerspielen erinnert mich beizeiten an die eines Rauchers, der nicht einsehen will, dass nicht er für die Zigarette argumentiert, sondern seine Sucht. Ich habe 4PLAYERS immer für seine Seriosität geschätzt, doch in diesem Fall bin ich etwas enttäuscht worden. Es muss doch auch von 4PLAYERS eine kritische Auseinandersetzung damit geben, dass auch die Produzentin von Bulletstorm freimütig im Interview erzählt, dass kreatives (!) Töten das Alleinstellungsmerkmal von Bulletstorm ist, weswegen es sich erfolgreicher als die Konkurrenz verkaufen wird.
Ich bin der Meinung, dass es an der Zeit ist, die gewalttätigen Strukturen in unserer Gesellschaft zu überdenken. Dazu gehören auch Computerspiele. Auch ein Redakteur, der Computerspiele testet, kann doch ab und zu über den eigenen Tellerrand schauen, wenn ein gewisses Umdenken das vielleicht auch verlangt.
Ich würde mich freuen, wenn Sie diesen Brief zum Anlass für eine erneute Diskussion nehmen würden.
Mit freundlichen Grüßen
H.
ich habe vor einiger Zeit Kritik an dem Test von Bulletstorm geäußert in der Hoffnung, damit eine wirklich gute Debatte über Gewalt in Computerspielen auszulösen.
Ich persönlich bin seit mehr als 15 Jahren begeisterter Spieler und schätze auch solche Meisterwerke des Horrors wie Dead Space.
Aber ich habe es echt satt, dass solche Tests wie der von Bulletstorm, die sich in keiner Weise kritisch mit der Gewalt im Spiel auseinandersetzen, die Klischees von Computerspielern bestätigen, die Gewalt verherrlichend sind.
Ich zähle zu denen, die trotz der Faszination für gewalttätige Inhalte dafür plädieren, dass es ab und zu in Diskussionen möglich sein muss, über gewisse persönliche und gesellschaftliche Grenzen zu diskutieren, ohne dass 4PLAYERS in so einem Test wie dem von Bulletstorm die immergleichen, einseitigen Argumente hervorbringt, die sich anhören wie dies eines Gewaltsüchtigen, der Angst davor hat, dass man ihm seine Droge entzieht.
Anbei der Brief an den Tester.
Was meint Ihr?
Sehr geehrter Herr Kautz,
nachdem ich heute den Bulletstorm Test auf 4PLAYERS.DE gelesen habe, habe ich mich dazu entschieden, einen Kommentar zu dem leidigen Thema „Gewalt in Computerspielen“ zu verfassen, den ich Ihnen auf diesem Wege gerne zukommen lassen würde. Entschuldigen Sie bitte, dass ich mich an Sie wende, aber es erscheint mir die schnellste Möglichkeit zu sein, meiner Meinung Gehör zu verschaffen.
Ich bin Jahrgang 1981, und seit ich denken kann begeisterter Computerspieler. Der erste „Leisure Suit Larry“ war witzigerweise das erste Computerspiel überhaupt, das ich heimlich am PC eines Freundes der Familie spielte. Man könnte also behaupten, dass ich schon früh mit Computerspielen in Berührung gekommen bin, die „nichts für Kinder“ sind. Soweit ich mich erinnern kann, fand ich es als unter 10Jähriger spannend, mit Larry Kondome im Supermarkt zu kaufen und feuchtfröhliche Abenteuer zu erleben, und es hat meiner Sexualität hoffentlich bis heute nicht geschadet. In meinem späteren Leben habe ich Soziologie, Psychologie und Politik studiert und forsche seit vielen Jahren nach der Ursache für die in der Wissenschaft so betitelten „School Shootings“. Ich arbeite dabei interdisziplinär und kann Ihnen schon jetzt sagen, dass weder die Kriminologie, noch die Soziologie und die Psychologie die Frage entscheidend beantworten können, warum ein junger Mensch sich dazu entscheidet, in eine Schule zu gehen und Menschenleben zu nehmen. Interessanterweise kommt der zu wenig beachtete Zweig der Sozialpsychologie einer Art von offenem Erklärungsmodell meines Erachtens am nächsten, da er die Schnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft untersucht. Die Erklärungsursachen für solch eine Tat sind also in vielfältigen, komplexen und sich überschneidenden Hintergründen zu suchen. Die Psychologie sucht in der persönlichen Erfahrungsgeschichte und im Elternhaus des Täters nach Motiven, die Kriminologie versucht „Verführungsmomente“ auszumachen und die Soziologie nimmt die Gesellschaft in den Blick. Auch die Institution Schule und Computerspiele dürfen bei dieser Analyse natürlich nicht fehlen. Schon an dieser Stelle kann ich Ihnen sagen, dass es keinen wissenschaftlich erwiesenen Zusammenhang gibt zwischen einem gewalttätigen Computerspiel und einer tatsächlichen Gewalt, und wenn, dann sind diese Zusammenhänge sekundär. Der mediale Umgang mit School Shootings und Computerspielen spiegelt den Umgang einer Gesellschaft mit Konflikten wieder, die die Ursachen von Gewalttaten einem gestörten Individuum zuschreibt und somit das Potential unterwandert, gesellschaftliche Zusammenhänge zu hinterfragen, zu kritisieren und zu verändern. Die School Shooter kommen aus der Mitte der Gesellschaft, die eigentlich mit ihren bürgerlichen Werten für die Tugenden unserer Gesellschaft herhalten soll. Auch ich bin kein Freund von einem Christian Pfeiffer, der sich im Kameralicht sonnt und mit vorschnellen Argumenten zu verführen sucht.
Seit der Weltwirtschaftskrise findet die Kapitalismuskritik zum Glück wieder Zugang in wissenschaftliche Analysen. So komme auch ich zu dem Urteil, dass der Spätkapitalismus in seiner natürlichen Gier zur Profitmaximierung unseren intimsten Alltag Logiken der Verwertbarkeit und Leistungsideologie unterworfen hat, die z.B. dazu führen, dass fast niemand mehr sich Kinder „leisten“ kann, weil sie ein Risiko für die eigene Karriere darstellen und unter den modernen Belastungen des Arbeitsmarktes kaum erziehbar sind, schlicht und ergreifend weil die Zeit, die Kraft und die Aufmerksamkeit dazu fehlen. Wir werden dazu erzogen, uns selbst als warenförmige Objekte wahrzunehmen, die sich der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt aussetzen müssen, ob sie wollen oder nicht. Ein kluger Mensch hat über School Shootings einmal gesagt, dass sich auf Objekte nun einmal leichter schießen lässt als auf Menschen.
Nun gibt es meiner Meinung nach zwei Möglichkeiten, die steigende explizite Gewalt medialer Inhalte zu erklären. Die eine liegt in der Entwicklungsgeschichte des Menschen begraben. Gewalt ist zu jedem Zeitpunkt Teil der menschlichen Existenz gewesen. Ohne Aggressivität, die in der Psychologie übrigens zum Teil mit konstruktiver Lebensenergie gleichgesetzt wird, hätte der Mensch es vermutlich niemals so weit gebracht. Auch die Zivilisation hat die Gewalt nicht aus dem Menschen verdrängt, sie ist lediglich abstrakter geworden. Es gibt also einen quasi sinnlichen Zusammenhang zwischen Gewalt und dem Menschen, und auch ich bin ein Vertreter der Meinung, dass in der Fantasie alles erlaubt ist. Boxkämpfe, Horrorfilme und auch gewalttätige Computerspiele erzeugen in mir ein Kribbeln, dass sehr lebendig ist, eine Erregung, die ich als Genuss wahrnehme.
Die zweite Möglichkeit, die steigende Gewalt medialer Inhalte zu erklären, liegt in der neoliberalen Umstrukturierung von Mensch und Gesellschaft begründet. Unsere Gesellschaft wird zunehmend weniger sozial, und so kann sie nur schwer glaubhafte Inhalte produzieren, die sozial sind. Die Sehnsucht des Menschen, immer explizitere Gewalt zu konsumieren, entspricht dem Zuwachs an gesellschaftlichem Druck, den er als Individuum verspürt. Oft wird das Argument herangezogen, dass ein Künstler für die Inhalte seiner Kunst nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann. Diese Vorstellung ist tatsächlich völlig absurd, da ein Künstler nur für seinen Erfolg verantwortlich sein kann, nicht aber für den sozialen Nährboden, auf den seine Kunst trifft. Slipknot, Marilyn Manson, Bushido und unzählige andere Künstler weisen jegliche Schuld von sich, wenn ihre Kunst mit Akten der Gewalt in Verbindung gebracht, doch was sie dazu bringt, ist nicht etwa eine ideelle Überzeugung, sondern eine pragmatische Angst davor, dass ihr künstlerischer Erfolg in Gefahr gerät, wenn sie selbst diesen Zusammenhang auch nur im Ansatz bestätigen würden. Kommerzielle Kunst lebt von ihrer Verkaufbarkeit, nicht von ihrer Gesellschaftskritik.
Künstler in der kommerziellen Computerspielbranche geben den Spielen das, was sie am meisten konsumieren wollen: militärische Gewalt, exzessives Töten, Selbstjustiz, Heldentum. Die Nachfrage regelt auch in diesem Fall den Markt. Es sei an dieser Stelle kurz gefragt, ob sich darin auch Gewaltfantasien und Selbstermächtigungsstrategien gegenüber einem von wirtschaftlichen und nicht sozialen Interessen gelenkten staatlichen Gefüge widerspiegeln.
Ich muss gestehen, dass ich das Festhalten von 4PLAYERS an der Unbedenklichkeit von Gewaltexzessen in Computerspielen als trotzig und antiquiert empfinde. Es wirkt auf mich wie die Reaktion eines Kindes, das sich partout weigert einzusehen, dass man gewisse Themen auch anders beleuchten kann, ohne es dabei zu übertreiben. Selbst Gametrailers.com, deren Tests normalerweise bei mäßigen Spielen in übertriebene Lobgesänge ausarten, hat kritisch wenn auch kurz die Gewaltdarstellung in Bulletstorm reflektiert. Die Gamestar, die üblicherweise genauso einseitig argumentiert, wie 4PLAYERS das in Bezug auf Gewalt zu tun pflegt, hat in ihrer Februarausgabe einen langen Leserbrief veröffentlicht, der für einen reflektierten Umgang mit Gewalt in Computerspielen appelliert. Die Reaktion von 4PLAYERS auf Kritik an gewalttätigen Inhalten in Computerspielen erinnert mich beizeiten an die eines Rauchers, der nicht einsehen will, dass nicht er für die Zigarette argumentiert, sondern seine Sucht. Ich habe 4PLAYERS immer für seine Seriosität geschätzt, doch in diesem Fall bin ich etwas enttäuscht worden. Es muss doch auch von 4PLAYERS eine kritische Auseinandersetzung damit geben, dass auch die Produzentin von Bulletstorm freimütig im Interview erzählt, dass kreatives (!) Töten das Alleinstellungsmerkmal von Bulletstorm ist, weswegen es sich erfolgreicher als die Konkurrenz verkaufen wird.
Ich bin der Meinung, dass es an der Zeit ist, die gewalttätigen Strukturen in unserer Gesellschaft zu überdenken. Dazu gehören auch Computerspiele. Auch ein Redakteur, der Computerspiele testet, kann doch ab und zu über den eigenen Tellerrand schauen, wenn ein gewisses Umdenken das vielleicht auch verlangt.
Ich würde mich freuen, wenn Sie diesen Brief zum Anlass für eine erneute Diskussion nehmen würden.
Mit freundlichen Grüßen
H.