4Players hat geschrieben:
Hier besitzen die Generäle übermenschliche Fähigkeiten, die sie ganze Armeen zermalmen lässt - ähnlich wie bei den Musou-Prüglern der Warriors-Reihe. Schon dieser Faktor fällt aber schnell negativ auf – passen die übermächtigen Heldeneinheiten bei Total War: Warhammer nämlich noch ins Bild und bilden zusammen mit gigantischen Monstern eine stimmige Fantasy-Kulisse, sind die Anführer im alten China bestenfalls unauffällig und im schlimmsten Fall eine nervige neue Mikromanagement-Falle.
[...]
Anstatt die Kernprobleme der stagnierenden Gefechte anzugehen, neue Wucht in den Schlachten zu entfesseln oder einen spielmechanischen Neustart anzustreben, der mir mehr Möglichkeiten in der Geländetaktik ermöglicht, werde ich mit Superhelden und ihren Mikomanagement-Ambitionen konfrontiert, die so gar nicht in das historische Setting passen wollen.
Sorry, aber hier wird das Setting missverstanden. Die literarische Basis von Total War: Three Kingdoms porträtiert seine Generäle als exakt die übertriebenen Superhelden, die sich auch im Spiel wiederfinden. Das neue Total War ist in dieser Hinsicht schlicht und einfach vorlagengetreu. Weswegen ich den Vorwurf, das passe nicht zum vermeintlich "historischen" Setting, doch ziemlich fehlgeleitet finde, bzw. denke dass derjenige, der ihn erhebt, sich eben ein
anderes Setting wünscht, nämlich eines, das das China des 2. und 3. Jahrhunderts mit möglichst großer
historischer Akkuratesse abbildet. Was ja auch völlig legitime Geschmacksangelegenheit wäre, nur sollte man dann nicht den Vorwurf bemühen, die Darstellung passe nicht zum Setting. Das wäre ungefähr so, als würfe man einem Spiel über die Ilias vor, dass Achilles, Hector und Ajax ja total übertrieben superheldenhaft dargestellt werden. Man könnte jetzt seitenlang Beispiele aufzählen, aber wer ein bisschen über die Vorlage recherchiert erfährt schnell, dass diese in deutlich höherem Maße Legende als Geschichtsschreibung ist. Sie verarbeitet zwar eine Vielzahl historisch verbürgter Ereignisse und hunderte historische Charaktere, aber überhöht jene Charaktere halt vielfach zu mythischen Überkriegern/-strategen/-diplomaten. Speziell Guan Yu und Zhuge Liang tragen quasi-halbgöttliche Züge; weitere Superhelden finden sich zu Dutzenden, wobei die Figur des Lu Bu bemerkenswerte Parallelen zum oben angesprochenen Achilles aufweist.
Was das Szenario (nicht das Gameplay, dazu s.u.) angeht, würde ich Eike also entschieden widersprechen: Ein in jeglicher Hinsicht traditionelles Total War, in dem einzelne Soldaten keinen Unterschied machen -
das würde nicht zum Setting passen. Zumindest müsste sich Creative Assembly in diesem Fall den Vorwurf machen lassen, eine hochelaborierte (und für China geradezu kulturstiftende) Vorlage unflexibel in ein althergebrachtes Gameplaykorsett zu pressen, auf Kosten der inhaltlichen und erzählerischen Eigenheiten jener Vorlage. Unter Gesichtspunkten des Settings bin ich als Fan des Drei-Reiche-Szenarios (sowie vieler Titel der Total War-Reihe) sehr froh, dass dem nicht so ist.
Unter Gesichtspunkten des Gameplays dagegen kann es natürlich durchaus sein, dass die Fokussierung auf Heldentum sich als großer Schuss in Ofen erweist, wenn sie nicht mit den etablierten Serienelementen harmoniert. Eikes Verweis auf lästiges Mikromanagement stimmt hier sehr skeptisch, insbesondere das manuelle Auslösen von Duell-Sonderfertigkeiten klingt unangenehm nach MOBA und hat auch meiner Meinung nach in einem Total War nichts zu suchen. Wenn man sowas schon macht, dann böte sich z.B. an, den Rest des Schlachtfeldes während des Duells in eine Art Bullet-Time zu versetzen und reinzuzoomen, damit der Spieler sich auch guten Gewissens auf das Helden-Gekloppe konzentrieren kann und nicht das Gefühl bekommt, durch das Bedienen des Duell-Mikromanagements den Rest der Schlacht aus den Augen zu verlieren.