Ich habe Gray Matter durchgespielt und als ich dann den Test hier gelesen habe, wäre ich fast vom Stuhl gekippt. 4Players ist ja für seine kritisch-subjektiven Test bekannt, aber selten gingen meine bescheidene Wahrnehmung eines Spiel und ein Testbericht soweit auseinander. Um es vorwegzunehmen: Ich habe Gray Matter genossen. Natürlich hat das Spiel seine kleinen Fehler und Schwächen, aber alles in allem war es doch gerade bei der Story ein überzeugendes Spiel und ich denke, dass einige Aspekte der Wertung doch sehr geschmacksbedingt sind.
Insbesondere betrifft das die Figur des Dr. Styles. Herr Naser betrachtet hier hauptsächlich den Grusel-Faktor:
4P|Bodo hat geschrieben:Des Nachts mutiert Dr. Styles da zum maskierten Phantom der Wissenschaft [...]
Noch nicht mal in Styles tiefstem Keller kommt daher so etwas wie Schauer auf.
Gerade Gray Matters Anspruch ist es aber, dass die Charaktere
nicht so sind. Im Gegenteil, sie sind ausgearbeitete, menschliche Charaktere und es ist bei Styles interessant, den Menschen hinter der exzentrisch anmutenden Maske kennenzulernen. Styles, der sich in seinem Schmerz und seiner Eitelkeit seiner Verbrennungen wegen, zurückgezogen hat, zeigt sich hier auf einem schmalen Grat zwischen Andenken an seine Frau und Besessenheit und ist sichtlich enttäuscht vom Leben. Mag sein, dass ich da ein klein wenig sentimental bin, aber gerade die Kapitel mit ihm und seine Erinnerungen an Laura machen ihn sehr menschlich und ich denke, für die meisten Spieler, verständlich. Immerhin gibt es eine Zahl von Motiven in seiner Figur wie Verlust, Stolz, Entschlossenheit, Hoffnung und letztlich auch
. Ich denke, dass der Charakter Styles für Herr Naser nicht funktioniert hat, stellt einen wesentlichen Punkt in der Wertung dar.
Selbiges gilt auch für die Story, die sich laut Test nicht entscheiden kann. Und hier sind wir an einem Punkt tiefgreifender Literatur/Medien-Philosophie. Um es kurz zu machen: ich halte mich da an Mark Z. Danielewski, der sagt, dass Genres nur Marketing sind. Herr Naser sagt, „[Gray Matter] kann sich nicht entscheiden, ob es Wissenschafts-Thriller, Geistergeschichte, Zauberkunststück oder doch ein Liebesroman sein will.“ und kritisiert dies. Ich sage: Gray Matter ist all dies gleichzeitig und das ist gut so! Das Spiel verwebt viele verschiedene Komponenten und es ist gerade eine Qualität dieses Adventures, nicht eine Gruselgeschichte nach Schema F zu sein. So ergeben sich so viele verschiene Motive und Perspektiven z.B. strenge Wissenschaft und Zauberei, ein Mensch, der die beste Zeit hinter sich hat und ein Mensch, der seine beste Zeit noch sucht, die Suche nach einem Zuhause und Freundschaft, das Unvermögen, die Vergangenheit zu überwinden etc sind alles wichtige Themen, in die sich jeder Mensch hineinversetzen kann.
Gerade diese verschiedenen Elemente lassen auch eine Menge Interpretationsspielraum während der Geschichte und sind somit spannungsfördernd. Letztlich wird der Spieler immer wieder hin-und-hergerissen zwischen dem Glauben an eine Verschwörung oder Übernatürliches.
Übrigens ist an einige Stellen die Spannung hervorragend audiovisuell umgesetzt, etwa
wenn man Lauras Erscheinung auf der Treppe sieht oder die Spuren im Turm findet
.
Ich kann mich noch erinnern, wie skeptisch ich damals war, als die Comic-Cutscenes vorgestellt wurde und es ist natürlich klar, dass diese billiger zu produzieren sind, aber letzten Endes bin ich sogar zu der Meinung gelangt, dass die Emotionalität der Cutscenes mit CGI so nicht möglich gewesen wäre. Des Weiteren denke ich, dass die Geschichte größtenteils zufrieden stellend zu Ende erzählt wird.
Nun etwas gameplaytechnisches: Zugegebenermaßen sind die Aufgaben in Gray Matter keine Kopfnüsse, liegen aber meiner Meinung etwas gleichauf mit vielen anderen aktuellen Adventures. Kann es sein, dass die Komfort-Funktionen, mit denen man immer weiß, was noch gemacht werden muss und welchen Orten man noch mal einen Besuch abstatten muss das Spiel einfach
erscheinen lassen? Durch diese Zusatzfunktionen hat man keine Hänger im Spiel und ich empfand sie als angenehm, da man auch nicht unendlich viel Freizeit hat und diese nicht mit sinnlosem Umherirren vertrödeln möchte.
Ich bin kein Freund de Hotspot-Anzeige und so habe ich sie auch nicht genutzt und kann dazu nichts sagen, aber die allgemeine Steuerung kam mir jetzt nicht signifikant ungenauer vor als in anderen Adventures. Auch das Zauberinterface ist einfach zu bedienen, wenn man sich die Zaubertricks genau durchliest, abgesehen von einigen Zwangsbedingungen, z.B. warum etwas genau in die eine Hand getan werden muss und nicht in die andere.
Jane Jensen bleibt, wie Janno1980 schon sagte, sich selbst treu. Gray Matter hat sehr wohl erwachsene Charakere und eine interessante, komplexe und gut recherchierte Geschichte. Wusstes ihr übrigens, dass die Neurobiologie wirklich nicht weiß, warum manche Menschen die massa intermedia haben und wofür sie gut ist?
