Kant ist tot! hat geschrieben: ↑21.01.2021 09:07
Ich gebe mal drei Beispiele. Ein Stromkasten in deiner unmittelbaren Umgebung surrt. Dein Kopf hat es aber hinbekommen, das Surren komplett auszublenden. Dann sagt eine zweite Person: "Boah, das Surren nervt aber." Dann hörst du es auch wieder. Versuche dann mal, das Surren wieder auszublenden. Wird nicht klappen, jedenfalls nicht unmittelbar. Beim Zocken ist es auch so, dass dir einige Defizite gar nicht bewusst werden, bis dich wer mit der Nase draufstößt. Und dann fällt es dir selbst eben auch auf beim Spielen. Letztendlich hast du das ja selbst mit "can not be unseen" auch schon beschrieben.
Das ist kein wirklich gutes Beispiel, denn an deinem Verhältnis zum Stromkastensurren hat sich ja nichts geändert. Ja, du hast es irgendwann aus Gewohnheit nicht mehr wahr genommen, aber du fandest es vorher auch nicht gut. Es wurde nur etwas eh schon für dich Negatives wieder in dein Bewusstsein zurückgeholt. Gab es hingegen mal eine Zeit, wo du das wohlige Summen eines Stromkastens wirklich total gemocht hast, die zweite Person sagt dir dann, dass sie das total nerven würde - würdest du es ebenfalls erstmal wieder hören, aber es vermutlich nicht anders wahrnehmen als da, wo der Spaß damals angefangen hat.
Kant ist tot! hat geschrieben: ↑21.01.2021 09:07
Drittes Beispiel. Du siehst einen Film in Gesellschaft. Alle um dich herum sind am Lachen und haben die Zeit ihres Lebens. Nimm den gleichen Film und tausche deine Umgebung. Stirnrunzeln. Leute weisen auf Logikfehler hin. Du wirst sicherlich in dem einen Szenario mehr Spaß als in dem anderen haben.
Ist im Prinzip der invertierte Fall von Beispiel eins. Nehmen wir mal an, du hast exakt beide von dir beschriebenen Situationen erlebt, aber es ist dein Lieblingsfilm. Wirst du diesen Film dann, wenn du ihn ein weiteres Mal in neutraler Umgebung, beispielsweise allein, siehst, deshalb schlecht(er) finden? Nein, vermutlich nicht. Natürlich können periphere Umstände eine Situation verändern, aber wir "bösen Meckerer" sitzen ja nicht bei den begeisterten Cyberpunk-Spielern auf der Schulter und meckern lauthalt los, während sie zocken (allerdings: also... falls mich jemand gezielt dazu bei sich einladen möchte, um das Mal zu erleben - ich würde das in Erwägung ziehen, wenn die Pandemie vorbei ist. Macht Angebote!). Bei dem Film, wenn du ihn mit der zweiten Gruppe Leute kuckst, hättest du weniger Spaß am Kucken nicht aufgrund des Films selbst, du hättest weniger Spaß an dieser Watch-Party, weil du gerade in jenem Moment die Atmosphäre höher gewichtest als deinen Spaß am Film. Die Atmosphäre würde dir weniger Spaß machen - wechselt die, wechselt der Spaß. Das ist aber ziemlich unabhängig vom Film... dein Eindruck von diesem wird wohl ziemlich der Gleiche bleiben, wie du spätestens dann merken wirst, wenn du den Film das nächste Mal allein schaust. Das war also eher ein unterstützendes Beispiel als ein Widerlegendes.
Allerdings hast du hier trotzdem ein bisschen Recht... nämlich in der Situation, wo ich den Film noch gar nicht kenne. Dann kann eine "miese" erste Atmosphäre durchaus so sehr von einem Film ablenken, den ich eigentlich gut finden würde um ihn dann letztlich gar nicht in "neutraler" Atmosphäre kucken zu wollen und so nie wirklich raus finde, dass ich ihn eigentlich mag. Während dieser Fall hier in einem Diskussionsforum in Threads zu einem spezifischen Thema vermutlich eher nicht gegeben sein dürfte, war meine Aussage "geht nicht, kann man nicht" dahingehend in der Tat ein wenig zu Pauschal. Lass sie mich so formulieren... "du kannst durch eine solche Diskussion niemanden seinen Spielspaß wegreden, den er durch eigene Erfahrungen bereits gesammelt hat". Und auch da gibts noch ne kleine Einschränkung (deshalb hab ich deinen Beitrag leicht durcheinander zitiert:
Kant ist tot! hat geschrieben: ↑21.01.2021 09:07
Anderes Beispiel: Meine Frau zockt richtig gerne Assassin's Creed. Die schaut aber nicht in irgendwelche Foren oder setzt sich mit Kritik daran auseinander, weil sie ganz genau weiß, dass die ganzen aufgezählten Negativpunkte ihr Erlebnis beeinträchtigen würden, weil sie eben weiß, dass sie sich dann nicht beim Zocken komplett von diesen Meinungen frei machen kann.
Ja, das ist tatsächlich ein Punkt. Allerdings verschwinden ja die "spaßigen" Aspekte nicht, wenn man später die "wenig spaßigen" entdeckt, die vorher, warum auch immer, verborgen blieben. Was Spaß gemacht hat, macht auch dann immernoch Spaß. Wenn ich aber dann eben mit anderen über diese Dinge rede - beispielsweise in einem Forum - ist ja völlig klar, dass sich der Vorhang ein wenig hebt - deshalb bin ich ja überhaupt erst an einem Meinungsaustausch interessiert. Aber ja, sicher, wenn die Premisse nicht lautet "ich seh die Probleme, aber sie sind mir egal, weil sie mich persönlich nicht stören" - wie von mir durch den Kontext hier halt angenommen, sondern eben wirklich "was ich nicht bemerke, kann mich auch nicht stören", dann hast du vermutlich Recht und solche Kritik kann die Augen auf Dinge lenken, die am Ende den Spielspaß mindern. Auch hier gilt das oben gesagte... meine Äußerung da war einfach zu pauschal, weil sie halt für mich in dem Kontext eines Forenthreads stand, ohne das ich das auch so explizit so dazu geschrieben habe.