Ich finde sogar, man sollte es sowieso unterbinden, das Spiel über die Handlungen des Spielers entscheiden zu lassen bzw. über deren moralische Wertigkeit. Immerhin sind wir denkende Menschen, und wenn wir Entscheidungen treffen, dann können wir auch selber absehen, ob sie gut oder schlecht sind. Dafür brauchen wir keinen blauen oder roten Balken, der proportional zur Wertigkeit unserer Aktionen wächst. Ein extrem simples Beispiel ist für mich immer eine der ersten Szenen aus Half Life², die zwar spieltechnisch keine Konsequenzen hat (und auch nicht haben muss), die aber dazu beiträgt, dass der Spieler seinen Gordon Freeman ein kleines wenig selber charakterisieren kann; also für alle, die die letzten Jahre unter einem Stein gelebt haben: ich rede vom Mülleimer. Zu Anfang wird man von einem Combine aufgefordert, eine leere Blechdose in den Müll zu werfen. Eigentlich ein Tutorial - Moment, aber witzigerweise auch ein moment der Entscheidung: werfe ich die Dose nun in den Müll und spiele den braven Bürger, oder mach ich einen auf Rebell und werf sie dem Combine an den müffelnden Kopp? Und es führt zu unterschiedlichen Ergebnissen und trägt dazu bei, dass jeder einen anderen Gordon Freeman spielt.
Und das alles ohne Dialograd und ohne blödes karma - System.
Nebenbei möchte ich einen interessanten Aspekt von Mass Effect 2 ansprechen. Erst einmal wird die Mass Effect - Reihe für mich immer gegen Fantasy - Gedöns gewinnen, weil ich halt 'ne Science Fiction - Hure bin und mir ehrlich gesagt ziemlich egal ist, in welchem Genre ich meine Laser abfeuer. Und obwohl Witcher 2 echt sexy aussieht (als Spiel wohlgemerkt) und mich die Präsentation echt positiv überrascht hat (hab sie auf gametrailers.com angesehen), werden ME oder auch die Fallout - Reihe auf ewig einen ersten platz in meinem Herzen haben.
Wie auch immer, ein Aspekt, den viele Menschen immer zu vergessen scheinen, ist, dass es in ME2 nicht den Unterschied zwischen "Gut" und "Böse" gibt. Sicherlich auch Definitionsfrage, aber Shephard ist immer "Gut", da er ja das Universum vor den Reapern retten möchte und so weiter und so fort. Das einzige - ich bin bei der genauen Terminologie etwas unsicher, also eilt zur Hilfe, D&D - Nerds! -, das der Spieler entscheidet, ist seine genaue Gesinnung: ob "Rechtschaffen Gut", also ob Shephard mit der Hilfe des Gesetzes und moralisch einwandfreien mitteln zum Ziel kommt, oder ob "Chaotisch Gut", er also beim genauen Einhalten der Vorschriften mal ein Auge zudrückt. "Mal", also immer.
Der Spieler hat eher die Wahl zwischen "Captain Picard und Dirty Harry", um es mit den Worten von Yahtzee Croshaw zu beschreiben. Nicht zwischen Luke Sykwalker und Darth Vader, denn dann hätte uns Bioware die Möglichkeit geben müssen, sich den Reapern anschließen zu können.
Und im Übrigen gebe ich hier jedem Verfechter klassischer Rollenspiele recht. ME 2 ist noch weniger Rollenspiel als sein Vorgänger, ich würde beide eher als "Customizable Shooter" bezeichnen. Ein Rollenspiel lebt ja davon, seinen Charakter so spielen zu können, wie man möchte. Und da man bei ME nur die Wahl zwischen "Rechtschaffen Gut" (Obi Wan Kenobi) und "Chaotisch Gut" (Han Solo) hat, wird dieser Anspruch nicht erfüllt. Ich spiele aber ganz gerne auch mal einen "Chaotisch Bösen" bzw. "Chaotisch Doofen" Character, etwa im Stil von Invader Zim, und das kann mir ME nicht bieten.
Was soll das ganze? Genau. ME und ME2 sind relative Rollenspielfliegengewichte; keine Evolution des Rollenspiels, sondern Shooter mit vielen Dialogen und einigen Rollenspielelementen in der Charakterentwicklung. Warum dann überhaupt gegen ein Schwergewicht wie The Witcher antreten, der in einer völlig anderen Gewichtsklasse boxt und zudem ein anderes Publikum bedienen will? Dass die ME - Serie von allen immer als RPG aufgefasst wird, ist ein Problem der Medien, die alles gerne aus Katalogisierungsgründen in eine Schublade stopfen. Und ein Problem des Begriffs an sich:
http://www.escapistmagazine.com/article ... rr-Pee-Gee
EDIT: Shepard falsch geschrieben... so schaufelt man sich natürlich ein eigenes Grab. Wie gesagt, ich spiele gerne chaotisch doof.