Spielejournalismus am Endpunkt?

Hier geht es um Spieldesign oder Game Studies, Philosophie oder Genres!

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ThomasRaptor
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Spielejournalismus am Endpunkt?

Beitrag von ThomasRaptor » 29.11.2019 09:19

Aktuell lässt sich am Beispiel "Death Stranding" der Videospielejournalismus einordnen und was mich daran bereits seit Jahren stört. Eine Ausnahme hierbei Jörg Luibl ( mehr dazu später).

Das ist keine Debatte um New Games Journalismus, wo das Besprechen von Videospielen einem Reisebericht gleichkommt. Und ja, ich habe vor Jahren auch Christian Schmidt gelesen.
Im nächsten Jahr geht es mit der Playstation in die fünfte Runde! Bekannterweise gab es in den 70ern erste Geräte für den Heimgebrauch. Allerdings hat sich der Spielejournalismus kaum weiterentwickelt. Worum geht es mir? Jedenfalls nicht um die Spielerfahrungen ("Gamingexperience") von Redakteuren zu erfahren. Das ist zwar besser, als nur die Anzahl von Strecken, Waffen etc. aufzuzählen, führt aber nicht an das gewünschte Ziel.
Was mir deutlich missfällt, ist der eindimensionale Blick der Redakteure! Im Spielejournalismus werden nur die Spiele innerhalb der Spielewelt/Spielebranche eingeordnet (wie verhält sich "Super Mario Odyssey" zu "Super Mario Galaxy" oder wie kann "Death Stranding" zu Kojimas bisherigen Werken beurteilt werden). Was hier fehlt ist die kulturelle wie gesellschaftliche Relevanz aufzuzeigen. In welchem Kontext erscheinen heutige Spiele. Greifen sie aktuelle politische Diskurse auf. Diskussionen im Diskurs sozusagen. Wie verhalten sich ältere Spiele hinsichtlich dieser Betrachtungen? Der Spielejournalismus verliert sich leider auch viel zu stark im Humor. GameTwo bzw. Rocketbeans haben sich seit GameOne im Jahr 2006 nicht weiterentwickelt. Seit nunmehr 15 Jahren ist Stillstand. Eben weil sie Spiele auch nur untereinander betrachten.

Was braucht es für Spielejournalisten? Keine, die nur über Spieleerfahrungen verfügen. Hierbei kann ich Jörg Luibl herausheben. Die Videos/Texte mit historischen und philosophischen Kontext sind herausragend. Hier wird eine ganz neue Stufe der Diskussion und Betrachtung aufgefahren. Aber wie kommt es dazu? Es liegt am Vorwissen abseits der Spiele. Studium der Geschichte, Skandinavistik usw. Das ist spürbar. Muss jeder Redakteur studiert haben? Nein, aber es eröffnet neue Diskussionen. Es geht in die Tiefe. So könnten studierte Literaturwissenschaftler eingängiger die Handlung von Spielen betrachten. Was in Testberichten gerne als gute Story betitelt wird von Redakteuren erscheint mir fragwürdig. Klar, wer keinen literarischen Vergleich kennt, um es besser einordnen zu können, gelangt zu solch einem Urteil.
Allerdings sind die Leser wohl auch nicht bereit dazu.

Marco_Achat
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Re: Spielejournalismus am Endpunkt?

Beitrag von Marco_Achat » 29.11.2019 09:58

ThomasRaptor hat geschrieben:
29.11.2019 09:19
Aktuell lässt sich am Beispiel "Death Stranding" der Videospielejournalismus einordnen und was mich daran bereits seit Jahren stört. Eine Ausnahme hierbei Jörg Luibl ( mehr dazu später).

Das ist keine Debatte um New Games Journalismus, wo das Besprechen von Videospielen einem Reisebericht gleichkommt. Und ja, ich habe vor Jahren auch Christian Schmidt gelesen.
Im nächsten Jahr geht es mit der Playstation in die fünfte Runde! Bekannterweise gab es in den 70ern erste Geräte für den Heimgebrauch. Allerdings hat sich der Spielejournalismus kaum weiterentwickelt. Worum geht es mir? Jedenfalls nicht um die Spielerfahrungen ("Gamingexperience") von Redakteuren zu erfahren. Das ist zwar besser, als nur die Anzahl von Strecken, Waffen etc. aufzuzählen, führt aber nicht an das gewünschte Ziel.
Was mir deutlich missfällt, ist der eindimensionale Blick der Redakteure! Im Spielejournalismus werden nur die Spiele innerhalb der Spielewelt/Spielebranche eingeordnet (wie verhält sich "Super Mario Odyssey" zu "Super Mario Galaxy" oder wie kann "Death Stranding" zu Kojimas bisherigen Werken beurteilt werden). Was hier fehlt ist die kulturelle wie gesellschaftliche Relevanz aufzuzeigen. In welchem Kontext erscheinen heutige Spiele. Greifen sie aktuelle politische Diskurse auf. Diskussionen im Diskurs sozusagen. Wie verhalten sich ältere Spiele hinsichtlich dieser Betrachtungen? Der Spielejournalismus verliert sich leider auch viel zu stark im Humor. GameTwo bzw. Rocketbeans haben sich seit GameOne im Jahr 2006 nicht weiterentwickelt. Seit nunmehr 15 Jahren ist Stillstand. Eben weil sie Spiele auch nur untereinander betrachten.

Was braucht es für Spielejournalisten? Keine, die nur über Spieleerfahrungen verfügen. Hierbei kann ich Jörg Luibl herausheben. Die Videos/Texte mit historischen und philosophischen Kontext sind herausragend. Hier wird eine ganz neue Stufe der Diskussion und Betrachtung aufgefahren. Aber wie kommt es dazu? Es liegt am Vorwissen abseits der Spiele. Studium der Geschichte, Skandinavistik usw. Das ist spürbar. Muss jeder Redakteur studiert haben? Nein, aber es eröffnet neue Diskussionen. Es geht in die Tiefe. So könnten studierte Literaturwissenschaftler eingängiger die Handlung von Spielen betrachten. Was in Testberichten gerne als gute Story betitelt wird von Redakteuren erscheint mir fragwürdig. Klar, wer keinen literarischen Vergleich kennt, um es besser einordnen zu können, gelangt zu solch einem Urteil.
Allerdings sind die Leser wohl auch nicht bereit dazu.


Sehr interessant, was du beschreibst, bzw. welche Sicht du auf den Spielejournalismus hast. Bei einigen Aussagen stimme ich dir zu, bei anderen weniger.

Zuerst einmal sehe ich es nicht so, dass der Spielejournalismus am Ende ist. - Und zwar genau deshalb, weil es Redaktionen, wie die von 4players gibt.
Ich würde sagen, dass es einige Redaktionen und Autoren gibt, die es lieber gut sein lassen sollten und ein Ende finden sollten.

Ich bin hier erst seit kurzer Zeit ein aktiver, angemeldeter Leser, habe davor jedoch schon jahrelang passiv mitgelesen. Mich haben die Talks - die Nachberichterstattungen zu den Videospielen und anderen Thematiken im Bereich dieses Hobbys, wenn man so möchte - dazu bewogen, hier aktiv zu werden.
Denn nicht nur Jörg kann die "Vogelperspektive" einnehmen und somit mehr Leisten, als nur das stumpfe Vergleichen von A mit B. Dies hat - aus meinem Eindruck heraus - die gesamte Redaktion drauf. Ich denke da zum Beispiel an den Talk "Zwischen Polarisierung und Politisierung".

Auch in den Test-Texten und -Videos bemerke ich immer wieder (mit sehr wenigen Ausnahmen), dass das geschrieben und gesprochene zum Fazit und zur Wertung passt. - Dies ist bei vielen anderen Magazinen nicht der Fall. Da habe ich dann nach dem Lesen schon oft da gesessen und hatte den Eindruck, dass das Fazit nicht zu der vorherigen Besprechung gepasst hat; auch ein Grund, weshalb ich nun hier aktiv davei bin.

Bis hierhin würde ich sagen, dass die 4p-Redaktion ihr "Handwerk" versteht und mit ihrem "Handwerkszeug" sehr gut umgehen kann.
Abseits davon spielen aber auch die veschiedenen Persönlichkeiten und das Auftreten der Redakteure eine Rolle. - Ich gehe hier wieder von mir aus: Ich bin hier nun aktiv, weil ich die Sicht der Redaktion auf die Spiele mag. Ich bin grundsätzlich auf der selben Wellenlänge, wenn es darum geht, was an einem Videospiel "gut" ist und was "schlecht" ist.
Auch bei Einstellungen und Meinungen zu Themen, die nur indirekt die Videospiele betreffen, sehe ich mich da im selben Boot.

Das 4players aus der Berichterstattung nun keine Show macht (Stichwort GameOne) halte ich nicht für schlimm (bzw. vermisse dies auch nicht) und sehe dies aber auch nicht als "Pluspunkt".
Denn die Leute von GameOne hatten es - meiner Meiunung nach - einfach drauf, die Welt der Videospiele als Zirkus zu präsentieren.
Die Frage ist auch immer, was und wie ich (als Redaktion, als Team) präsentieren möchte und ob ich dazu überhaupt in der Lage bin; die enstprechenden Fähigkeiten habe.

In diesem Sinne sehe ich das wie mit so vielem in der heutigen Zeit des World Wide Web: Ich als Nutzer werde auf so vielen Ebenen mit einem dermaßen heftigen Überangebot zugeballert, dass ich zwangsweise mehr und häufiger nach dem suchen muss, was zu mir passt: Das fängt "bei dem richtigen Videospiel" an und hört bei "der richtigen Redaktion" wieder auf.
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ThomasRaptor
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Re: Spielejournalismus am Endpunkt?

Beitrag von ThomasRaptor » 29.11.2019 11:00

Ja, das "Handwerk" kann zweifelsfrei auf die gesamte 4p-Redaktion übertragen werden. Jörg Luibl steht hierbei wohl aber durch seine Videos an vorderer Stelle. Bei der Zusammenstellung der Redaktion wird, so vermute ich, darauf geachtet.

Eine "Show" überdeckt gerne die fehlende Weiterentwicklung. Gute Inhalte brauchen das nicht. Leider wird es teilweise unzureichend gewürdigt. Redakteure in lustigen Kostümen bringen mehr Beachtung als gehaltvolle Erkenntnisse. Auch ich habe jahrelang diese Show gesehen, heute noch. Aber es scheint doch merklich ausgereizt. Ich gehe auch gerne mal in den Zirkus. Aber ständig nur Zirkus ohne auch den Genuss eines gehaltvollen Bühnenstücks zu erleben?
Fragt sich wer sind die Dompteure, wer die Tiere?
Zuletzt geändert von ThomasRaptor am 29.11.2019 11:01, insgesamt 1-mal geändert.

Marco_Achat
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Re: Spielejournalismus am Endpunkt?

Beitrag von Marco_Achat » 29.11.2019 11:18

ThomasRaptor hat geschrieben:
29.11.2019 11:00
Ja, das "Handwerk" kann zweifelsfrei auf die gesamte 4p-Redaktion übertragen werden. Jörg Luibl steht hierbei wohl aber durch seine Videos an vorderer Stelle. Bei der Zusammenstellung der Redaktion wird, so vermute ich, darauf geachtet.

Eine "Show" überdeckt gerne die fehlende Weiterentwicklung. Gute Inhalte brauchen das nicht. Leider wird es teilweise unzureichend gewürdigt. Redakteure in lustigen Kostümen bringen mehr Beachtung als gehaltvolle Erkenntnisse. Auch ich habe jahrelang diese Show gesehen, heute noch. Aber es scheint doch merklich ausgereizt. Ich gehe auch gerne mal in den Zirkus. Aber ständig nur Zirkus ohne auch den Genuss eines gehaltvollen Bühnenstücks zu erleben?
Fragt sich wer sind die Dompteure, wer die Tiere?

GameOne existiert noch!? Ich dachte das Format wurde eingestellt!? - Oder schaust du dir heute noch Wiederholungen an?
Mir hat der "ständige Zirkus" durchaus zugesagt. Es mag aber daran liegen, dass eine Sendung nicht sehr lang war (soweit ich mich erinnere max. 15 Minuten).
Ein 60-Minuten-Potcast-Talk in dem nur geblödelt wird oder eine Website die komplett nur "auf Lustig" macht, ertrage ich wohl auch nicht. - Die Dosis macht halt das Gift.

Sicherlich sticht Jörg durch sein häufiges Aufreten vor der Kamera heraus, aber ich denke die Wahl auf ihn ist im Team entschieden worden und nicht durch einen Alleingang; hattest du ja schon angemerkt.
Wobei es auch hier letzendlich auf den eigenen Gechmack ankommt. Du und ich, wir sind von Jörg begeistert. Andere bekommen eventuell das kalte Grauen und klicken Videos mit ihm erst gar nicht an.

Und so ist es dann auch mit der Art der Berichterstattung oder mit der Fähigkeit sich in diesem Bereich weiterenntwicklen zu wollen / zu können. - "Kritisch. Ehrlich. Subjektiv" finde ich als Slogan nicht nur sprachlich äußerst ansprechend, sondern auch inhaltlich sehr gelungen.
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ThomasRaptor
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Re: Spielejournalismus am Endpunkt?

Beitrag von ThomasRaptor » 29.11.2019 12:01

Eine Weiterführung der Show gibt es mit GameTwo seit etwa zwei Jahren unter Eigenregie bzw. nicht mehr mit "Unterstützung" eines Fernsehsenders. Deshalb auch die Anklage der fehlenden Weiterentwicklung. Seit beinahe 15 Jahren geht es turbulent zu im Zirkuszelt. Wird es bald abgebaut?

Ich will auch mehr Fachbegriffe hören (damit meine ich nicht "Tearing" oder "HDR"), sondern ein Vokabular wie es hier verwendet wird: Regie, Dramaturgie etc.

Historisch gibt es zum Beispiel auch Parallelen zur Epoche der Romantik (literarisch wie künstlerisch), wo ein Großteil der Werke nur fragmentarisch erschienen sind. Bewusst als Fragment veröffentlicht war gängige Politik. Heutige Spieleveröffentlichungen entsprechen dieser Methode zu deutlich. Beide Epochen ließen sich näher betrachten. Wie gestalten sich die Lebensanforderungen beider Zeiten? Wie gestaltet sich die Rezeption der Werke?
Mehr Beobachtungen anstellen, als nur auf das Offensichtliche wie heutige Lootboxen eingehen.

Marco_Achat
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Re: Spielejournalismus am Endpunkt?

Beitrag von Marco_Achat » 29.11.2019 12:25

ThomasRaptor hat geschrieben:
29.11.2019 12:01
Eine Weiterführung der Show gibt es mit GameTwo seit etwa zwei Jahren unter Eigenregie bzw. nicht mehr mit "Unterstützung" eines Fernsehsenders. Deshalb auch die Anklage der fehlenden Weiterentwicklung. Seit beinahe 15 Jahren geht es turbulent zu im Zirkuszelt. Wird es bald abgebaut?

Ich will auch mehr Fachbegriffe hören (damit meine ich nicht "Tearing" oder "HDR"), sondern ein Vokabular wie es hier verwendet wird: Regie, Dramaturgie etc.

Historisch gibt es zum Beispiel auch Parallelen zur Epoche der Romantik (literarisch wie künstlerisch), wo ein Großteil der Werke nur fragmentarisch erschienen sind. Bewusst als Fragment veröffentlicht war gängige Politik. Heutige Spieleveröffentlichungen entsprechen dieser Methode zu deutlich. Beide Epochen ließen sich näher betrachten. Wie gestalten sich die Lebensanforderungen beider Zeiten? Wie gestaltet sich die Rezeption der Werke?
Mehr Beobachtungen anstellen, als nur auf das Offensichtliche wie heutige Lootboxen eingehen.


Wenn das Zelt seit 15 Jahren aufgebaut ist, dann wage ich zu bezweifeln, das es in nächster Zeit abgebaut wird. Zumindest solange es auf der anderen Seite genug Besucher gibt und GameTwo dadurch Erfolg hat (welcher Art auch immer).

Bezüglich der Sprache und der Fachbegriffe ist es auch immer eine Frage des Publikums. Welches habe ich schon? Und welches möchte ich überhaupt ansprechen oder gewinnen?
Sollte man hier einen krummen Weg einschlagen, oder plötzlich einen neuen, ungewohnten, dann kann man sich schneller als man denkt befinden, wo man überhaupt nicht hinwollte.

Sicherlich gibt es historische Parallelen zwischen Videospielen und zum Beispiel der Epoche der Romantik.
Hier muss man zum einen 4players aber zugestehen, dass sie solche Vergleiche des öfteren, z. B. in Video-Epilogen, ziehen und zum anderen bietet die Redaktion Kanäle an, durch die man solche Themenwünsche kommunizieren kann.

In diesem Sinne: Das der Chefredakteur im Forum zu finden ist und mit in die ein oder andere Diskussion einsteigt, habe ich in der Form bisher in keinem anderen erlebt.
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ThomasRaptor
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Re: Spielejournalismus am Endpunkt?

Beitrag von ThomasRaptor » 29.11.2019 16:40

Die Redaktion bei 4players ist diesbezüglich gut dabei. Das sollte mehr Anerkennung finden! Aber gerade auf Youtube gibt es zu viele Zirkusartisten im Narrenkostüm. Anderen bleibt leider nur der Job des Kartenabreißers vor dem Zelt.

Die Erziehung des Publikums ist entscheidend. Das ist die leidige Diskussion. Alteingesessene Redakteure versinken seit Jahren in der Tätigkeit des Berufszynikers. Das können Veteranenspieler oder sogar Games-Redakteure mit globaler Ausrichtung sein. Redakteure altern, das Publikum genauso. Die GTA III-Teenager sind heute auch Mitte 30.

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MaxDetroit
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Re: Spielejournalismus am Endpunkt?

Beitrag von MaxDetroit » 02.12.2019 15:48

ThomasRaptor hat geschrieben:
29.11.2019 09:19
[...] Was hier fehlt ist die kulturelle wie gesellschaftliche Relevanz aufzuzeigen. In welchem Kontext erscheinen heutige Spiele. Greifen sie aktuelle politische Diskurse auf. Diskussionen im Diskurs sozusagen. Wie verhalten sich ältere Spiele hinsichtlich dieser Betrachtungen?

[...] Es geht in die Tiefe. So könnten studierte Literaturwissenschaftler eingängiger die Handlung von Spielen betrachten. Was in Testberichten gerne als gute Story betitelt wird von Redakteuren erscheint mir fragwürdig. Klar, wer keinen literarischen Vergleich kennt, um es besser einordnen zu können, gelangt zu solch einem Urteil.
[...]
Mein Problem damit ist, das ich Spiele ganz klar von Filmen und Büchern unterscheide. Das was du beschreibst trifft ganz klar auf diese passiven, narrativen Medien zu, aber sind Spiele wirklich mit Filmen und Büchern gleichzusetzen? Braucht es immer eine Story?
Eines, wenn nicht sogar das beste Spiel aller Zeiten, kommt komplett ohne Story aus. Es braucht keinen politischen Kontext, keine gesellschaftliche Relevanz. Das Spiel braucht keine Handlung, keine Story, keinen literarischen Vergleich. Das Gameplay spricht für sich. Ich spreche hier von Tetris.

Ich spiele auch selber gerne Brettspiele wie z.B. Risiko, Scotland Yard jagt Mister X, Die Siedler von Catan, oder Monopoly. Diese Spiele sind in erster Linie so gut wegen ihrer Spielregeln, dem Gameplay. Wobei man bei Monopoly schon von einer gewissen politischen Aussage sprechen kann, da die Erfindern Lizzie Magie mit dem Spiel die Gefahren von Kapitalismus und Monopolstellungen aufzeigen wollte. Wie dem auch sei, im Kern definiere ich ein Spiel, auch ein Videospiel, durch sein Gameplay, nicht durch seine Story.

Nun, ein Spiel, ein Spielprinzip, ist für mich erstmal immer unpolitisch. Ein Spiel zieht seine Faszination aus Problemstellungen, Optionen und Lösungswegen. Wie Sid Meier mal gesagt hat, ein gutes Spiel ist eine Serie von interessanten Entscheidungen. Die kann man in Tetris treffen (wohin mit dem nächsten Stein in welcher Rotation?) wie auch im Schach (ziehe ich mit dem Läufer oder greife ich mit dem Turn an?) so wie auch in Videospielen wie Death Stranding (wähle ich diese Route oder versuche ich einen anderen Weg?). Ich bin momentan jemand der versucht bei der Bewertung eines Spiels die ganze Story, die ganzen Cutscenes, das ganze Brimbamborium drumherum auszublenden und mir die Frage zu stellen: Was ist das Gameplay? Was sind die Entscheidungen die ich treffen kann und sind diese für mich anregend? Gibt es interessante Problemstellungen die mich zu kreativen Lösungsversuchen verleiten? Diese Dinge. Das ganze politische und gesellschaftliche ist mir am Ende auch egal und interessiert mich bei Spielen nicht. Dies ist einfach das Metier von Filmen und Büchern.

Deshalb ist mein Spiel des Jahres auch Sekiro und nicht Death Stranding. Sekiros Bossfights sind wie kleine Rätsel, extrem interessante Problemstellungen, die man mit den Mitteln die meinem Charakter geben sind, lösen muss. Wann parieren, wann ausweichen, wann ein springen, wann zuschlagen? Wann soll ich meine Arm-Prothese mit welcher Fähigkeit einsetzen, wann benutze ich Items, wie nutze und beziehe ich das Environment mit ein? Es gibt für jeden Boss, für jede Attacke, immer eine Reihe von wohl dosierten, möglichen Optionen (nicht zu viele, aber auch nicht zu wenige) wie man auf sie reagieren kann und den Kampf gewinnen kann. Das macht für mich den Reiz dieses Spiels aus, nicht die Story.

PS: Und am Ende habe ich auf die Story in Death Stranding auch überhaupt keinen Einfluss und kann keine einzige Entscheidung treffen, die die Geschichte in irgend einer Weise beeinflusst.
Zuletzt geändert von MaxDetroit am 02.12.2019 15:51, insgesamt 2-mal geändert.

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Re: Spielejournalismus am Endpunkt?

Beitrag von xKepler-186f » 02.12.2019 22:14

MaxDetroit hat geschrieben:
02.12.2019 15:48
Wie dem auch sei, im Kern definiere ich ein Spiel, auch ein Videospiel, durch sein Gameplay, nicht durch seine Story.


Jeder kann seine eigene Definition haben, keine Frage. Und ich verstehe auch sehr gut deinen Ansatz das Videospiel komplett auf Gameplaymechaniken herunterzubrechen. Das tue ich selber gerne bei bestimmten Spielen. Gerade bei deinem Jahresfavorit Sekiro habe ich mich gefragt, warum alle die uralte Mechanik des "Stagger" abgefeiert haben, nur weil From Software es in "Haltung" (?) umbenannt haben. Dass das Spaß machen kann, okay, aber es wurde gerade auch hier auf 4players sehr hervorgehoben. Naja, anderes Thema ...

Worauf ich eigentlich hinaus wollte, ist, dass man das Gameplay als solches zwar immer separat betrachten kann, es aber in den meisten Fällen nicht ausreicht oder zumindest einen wesentlichen Teil, mitunter den größeren Teil des Spiels untergräbt. Bei einem Spiel wie Sekiro oder den Souls-Titeln ist das ziemlich gut möglich, weil diese Spiele ja einen starken Gameplayfokus haben und die Story und die Erzählweise auf ein Minimum reduzieren. Dann gibt es Spiele wie Final Fantasy, die sich zwar auch immer über Gameplay definiert haben (RPG), aber deren Geschichten meist zum Kultstatus erst vollständig beigetragen haben. FF7 z.B. wäre heute mit Sicherheit nicht ansatzweise so beliebt und würde ein Remake bekommen, wenn es nicht ein wirklich tolle Geschichte erzählt hätte.

Deshalb kann man Spiele nicht ausschließlich nach Gameplay bewerten. Das wäre grob fahrlässig. Das Medium hat sich in den letzten 30 Jahren viel zu sehr weiterentwickelt, als dass man andere Bestandteile, wie Story, Ästhetik, Design oder Soundtrack außen vor lassen könnte.
Das ganze politische und gesellschaftliche ist mir am Ende auch egal und interessiert mich bei Spielen nicht. Dies ist einfach das Metier von Filmen und Büchern.


Dass es dich nicht interessiert kann ich so stehen lassen, das ist wie gesagt einfach "Meinung". Aber dem Spiel eine politische, gesellschaftliche, soziologische Sphäre abzusprechen geht nicht. Auch hier: Dafür haben sich bereits zu viele Spiele mit allem Möglichen beschäftigt. Diesen Teil bei Spielen zu ignorieren wäre so, als wenn beim Fußball ein Team in SS-Uniformen aufläuft und die Kommentatoren kein Wort darüber verlieren und nur über das Spiel berichten würden. Klar geht das, aber die Berichterstattung wäre extrem lückenhaft. Das Beispiel ist natürlich überspitzt, aber ich glaube es wird klar, was damit gemeint ist. ;)

Abgesehen davon was Spiele selbst über die Story und Game Design vermitteln gibt es ja auch noch folgenden Punkt: Wie ordnen wir das Spiel in unseren gesellschaftlichen Gesamtkontext ein? Wie beeinflusst ein Spiel die Rezipienten? Gibt es einen gesellschaftlichen Diskurs?

Bestes Beispiel, ein Spiel das keine Story hat und quasi nur auf "Team A gegen Team B" aufbaut: Counter Strike. Das Spiel hat absolut keine Message und doch ist es zu einem Politikum geworden. CS wäre ansonsten das perfekte Beispiel für Gameplay is King gewesen, aber gerade durch die Grundsatzdebatte nach Emsdetten ist das Spiel für unabsehbare Zeit mit der Killerspieldebatte verbunden.

Anderes Beispiel ist z.B. aus aktuellem Anlass der Geschichtsrevisionismus vom neuesten "Call of Duty: Modern Warfare" aus diesem Jahr. Stichwort "Gasangriff Syrien" und "Highway of Death". Das Spiel ist massiv politisiert. Und bis auf ein paar News dazu kam bisher von kaum einem Gaming Magazin. Aber das ist ein Thema was auch bei der Besprechung eines Spiels viel mehr in den Fokus gerückt werden müsste, weil mich genau das interessiert. Wie das Spiel aufgebaut ist, welche Modi es gibt und wie das Gameplay in etwa aussieht, kann ich meist aus 2-3 Videos entnehmen. Aber, das Spiel im Kontext der Gesellschaft betrachtet, interessiert mich viel mehr. Zumindest bei so einem Titel.

Irgendwer schrieb hier mal etwas wie "Wir sind hier doch nicht im Feuilleton!". Noch nicht ganz, aber 4players gibt sich zumindest Mühe sich in die Nähe des Feuilletons zu bewegen und in vielen Beiträgen, wie z.B. den Video-Epilogen einen Zusatzblick zu geben.

@Max
Jetzt habe ich dich zitiert, aber dein Beitrag war im Endeffekt nur der Aufhänger, um hier zu posten. Also ist das obige irgendwas zwischen "eigenständiger Beitrag" und "Antwort" ;)

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MaxDetroit
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Re: Spielejournalismus am Endpunkt?

Beitrag von MaxDetroit » 03.12.2019 12:38

xKepler-186f hat geschrieben:
02.12.2019 22:14
Bestes Beispiel, ein Spiel das keine Story hat und quasi nur auf "Team A gegen Team B" aufbaut: Counter Strike. Das Spiel hat absolut keine Message und doch ist es zu einem Politikum geworden. CS wäre ansonsten das perfekte Beispiel für Gameplay is King gewesen, aber gerade durch die Grundsatzdebatte nach Emsdetten ist das Spiel für unabsehbare Zeit mit der Killerspieldebatte verbunden.

Anderes Beispiel ist z.B. aus aktuellem Anlass der Geschichtsrevisionismus vom neuesten "Call of Duty: Modern Warfare" aus diesem Jahr. Stichwort "Gasangriff Syrien" und "Highway of Death". Das Spiel ist massiv politisiert. Und bis auf ein paar News dazu kam bisher von kaum einem Gaming Magazin. Aber das ist ein Thema was auch bei der Besprechung eines Spiels viel mehr in den Fokus gerückt werden müsste, weil mich genau das interessiert. Wie das Spiel aufgebaut ist, welche Modi es gibt und wie das Gameplay in etwa aussieht, kann ich meist aus 2-3 Videos entnehmen. Aber, das Spiel im Kontext der Gesellschaft betrachtet, interessiert mich viel mehr. Zumindest bei so einem Titel.
Sicherlich hast Du Recht, man kann gewisse Titel nicht nur auf das Gameplay reduzieren, und gerade Spiele wie Call of Duty suchen die Provokation und setzen auch auf politische und gesellschaftliche Trends um sich zu verkaufen. Ich, für meinen Teil, lasse mich aber nicht auf Killerspieldebatten und Provokationen ein, ich versuche die Spiele nüchtern zu betrachten, wie ist das Gameplay, wie sind die Mechaniken, ganz losgelöst vom Setting. Das Spielprinzip Counterstrike würde auch ohne das Terrorist vs Elite Cops (was ja irgendwie auch nur ein modernes "Räuber & Gendarm" ist) funktionieren, aber das gewählte Setting passt sehr gut zum Gamedesign und erzeugt die richtige Spannung und Grundhaltung in den Spielern ("Ich bin ein Polizist und muss im Team die Terroristen davon abhalten die Bombe zu legen"). Aber für mich bleibt es immer eine spielerische Aufgabenstellung, bei der das Spiel im Vordergrund steht, das schlüpfen in eine Rolle. Und dieses schlüpfen in eine Rolle, in eine Figur, die ich nicht selber bin, die ist doch wieder eine Stärke des Spiels. Denn hier kann ich meinen eigenen Horizont erweitern, weil ich kurzfristig zu jemand anderem werde, der ich nicht bin und kann eine andere Aufgabe übernehme und damit Verständnis darüber erlangen kann (z.B. in Frostpunk, wo ich der Anführer einer Siedlung im ewigen Eis bin und muss schwierige Entscheidungen treffen und das Überleben zu sichern - das kann einem zeigen wie schwierig es in Wirklichkeit ist Menschen zu führen und alle glücklich machen zu wollen, eine perfekte Lösung für alle gibt es nur selten).

Auch wenn ich jetzt abdrifte, eigentlich sind Spiele fast immer "Simulationen", in denen ich simuliert in andere Rollen und Tätigkeiten schlüpfe. Z.B. bin ich ein Koch in Overcooked oder ein Detective in Disco Elysium. Mein liebstes Beispiel wäre hier 'Papers, Please' wo ich simuliert einen Zollbeamten einer fiktiven totalitären Republik spiele. Das Spiel ist kein konkretes Statement zu aktuellen politischen Themen, dennoch sehr politisch im Generellen, das es meine Perspektive verändert. Dazu braucht aber ein Spiel auch Raum für Freiheit, für die Entscheidungen des Spielers, aus denen er lernen kann. 'Papers, Please' besteht eigentlich nur aus einer Reihe interessanter, schwieriger Entscheidungen, zum Teil mit schwer absehbaren Konsequenzen. Der Spieler kann aber nachher aus dieser Erfahrung Dinge für sich heraus abstrahieren, aber da nimmt jeder Spieler anderes für sich mit. Diese Abstraktheit, die Spielen einhergeht, wird meines Erachtens immer von einer festgelegten Story konterkariert. Eine festgelegte Story ist wie ein Korsett, das die Freiheit des Spielers und seine Entscheidungen unnötig einschränkt. Hier habe ich ein Problem mit der Sehnsucht vieler Spieldesigner nach dem Film. Während früher meistens nur eskapistische Science Fiction und Fantasy Szenarien gewählt wurden, geht dann der Trend heutzutage auch noch dazu diese Story zu politisieren und gesellschaftskritisch zu machen. Das dieser Trend dann auch noch gefeiert wird, finde ich eher bedenklich. Ich halte das bei Spielen gefährlich, wenn ich keinen Einfluss darauf habe wie meine Spielfigur dazu steht. In einem Rollenspiel mit verschiedenen Entscheidungswegen: gerne! In einem Shooter in dem ich keine Einfluss auf die Gesinnung meines Charakters habe und am Ende nur Aufträge ausführen muss: gefährlich. Bioshock hat das ja damals ganz schön pointiert, mit seinm "would you kindly". Der Spieler verkommt am Ende nur noch zu einem gehirnlosen Befehlsempfänger und darf sich zwischendurch einen Film via Cutscenes ansehen.

Wenn jemand nur eine Geschichte erzählen will, dann soll er doch ein Buch schreiben oder einen Film drehen. In Spielen geht es für mich darum den Spieler gewisse Freiheiten und Optionen zu lassen und ihn mit kreativen Entscheidungen zu konfrontieren. Im Spiele-Journalismus sollte es auch primär darum gehen, nicht was will der Game Director mit dem Spiel aussagen, sondern was für eine interessante Erfahrung hatte ich in dem Spiel und was konnte ich davon für mich mitnehmen.

Ich hoffe es kommt ein wenig raus, worauf ich hinaus will, ansonsten trotzdem Danke für's lesen. :)
Zuletzt geändert von MaxDetroit am 03.12.2019 12:55, insgesamt 10-mal geändert.

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Re: Spielejournalismus am Endpunkt?

Beitrag von TheoFleury » 03.12.2019 16:56

Harsche Überschrift. Gibt leider zu viele schwarze bis grau-schattierte Schafe die gerne ehrlich schreiben würden aber lieber auf Nummer "sicher" gehen um nicht eventuell gewisse Boni gegenüber großzügigen Publishern zu verlieren die ganz große Kasse machen egal was für schlechte Spiele sie veröffentlichen (Siehe EA oder 2K als aktuelles Parade-Beispiel). Hollywood ist nur noch ein Schatten hinter der Spiele-Industrie gemessen an Einnahmen und können sich alles erlauben wie es scheint, da ist selbst der Schutz vor Kindern und Jugendlichen anscheinend vollkommen gleichgültig. Die grenzen werden ausgelotet bis zum letzten Cent. Ich meine die Kunden kaufen trotzdem sonst würden es die Publisher nicht weiter ausreizen...Die kurzen aufschreie in der Community sind vernachlässigbar nach kurzer Zeit..."Gamer" vergessen schnell, besonders die Jungen und Fan vernebelten ohne Objektivität...

Gamestar.de ist da Z.B ein negativer Kandidat im deutschsprachigen Raum wo man merkt es ist alles ein zusammenhängendes Buisness zugeklebt mit unseriöser / aufdringlicher Werbung bis hin zu unsachlichen Test's die so gar nicht geschrieben sind wie ich es mir vorstelle von einem professionellem Journalisten. Bersonders negativ: Der Fifa 20 test der eigentkloch gar keiner war. Eine bodenlose Frechheit, ähnlich wie bei IGN und co. Die spielen alle Ihre Spielchen, am Ende geht es darum deine Miete zu bezahlen und Lebensmittel und vielleicht das ein oder andere Luxusgut bis mehr. Je nach dem wie gierig man ist. Da gibt man gerne Ideale und Ehrlichkeit auf und schreibt sich angeblich "ehrlichen" Spielejournalismus auf die wehenden Fahnen. Normale, menschliche, kapitalistische Reaktion. Am ende zählt das Geld auf dem Konto und die bezahlte Miete. Es ist ein Job. Ehrlichkeit und Geld verdienen beißt sich gegenseitig....darum sind mir Staubsauger Verkäufer an Widerlichkeit kaum zu überbieten...Aber das ist wieder ein anderes Thema haha

Es ist eine Gratwanderung , besonders in der Spielebranche ist dieses Phänomen durch den elektronischen Dunst zu durchschauen, je mehr Erfahrung man als User über die Jahre hinweg sammelt, desto vertrauter mit den zwiespältigen Mechanismen. Puh ich glaub ich bin betrunken :lol: Entschuldigt Grammatik
Zuletzt geändert von TheoFleury am 03.12.2019 16:58, insgesamt 1-mal geändert.

Khorneblume
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Re: Spielejournalismus am Endpunkt?

Beitrag von Khorneblume » 03.12.2019 19:04

ThomasRaptor hat geschrieben:
29.11.2019 09:19
Aktuell lässt sich am Beispiel "Death Stranding" der Videospielejournalismus einordnen und was mich daran bereits seit Jahren stört. Eine Ausnahme hierbei Jörg Luibl ( mehr dazu später).

Das ist keine Debatte um New Games Journalismus, wo das Besprechen von Videospielen einem Reisebericht gleichkommt. Und ja, ich habe vor Jahren auch Christian Schmidt gelesen.
Im nächsten Jahr geht es mit der Playstation in die fünfte Runde! Bekannterweise gab es in den 70ern erste Geräte für den Heimgebrauch. Allerdings hat sich der Spielejournalismus kaum weiterentwickelt. Worum geht es mir? Jedenfalls nicht um die Spielerfahrungen ("Gamingexperience") von Redakteuren zu erfahren. Das ist zwar besser, als nur die Anzahl von Strecken, Waffen etc. aufzuzählen, führt aber nicht an das gewünschte Ziel.
Was mir deutlich missfällt, ist der eindimensionale Blick der Redakteure! Im Spielejournalismus werden nur die Spiele innerhalb der Spielewelt/Spielebranche eingeordnet (wie verhält sich "Super Mario Odyssey" zu "Super Mario Galaxy" oder wie kann "Death Stranding" zu Kojimas bisherigen Werken beurteilt werden). Was hier fehlt ist die kulturelle wie gesellschaftliche Relevanz aufzuzeigen. In welchem Kontext erscheinen heutige Spiele. Greifen sie aktuelle politische Diskurse auf. Diskussionen im Diskurs sozusagen. Wie verhalten sich ältere Spiele hinsichtlich dieser Betrachtungen? Der Spielejournalismus verliert sich leider auch viel zu stark im Humor. GameTwo bzw. Rocketbeans haben sich seit GameOne im Jahr 2006 nicht weiterentwickelt. Seit nunmehr 15 Jahren ist Stillstand. Eben weil sie Spiele auch nur untereinander betrachten.

Was braucht es für Spielejournalisten? Keine, die nur über Spieleerfahrungen verfügen. Hierbei kann ich Jörg Luibl herausheben. Die Videos/Texte mit historischen und philosophischen Kontext sind herausragend. Hier wird eine ganz neue Stufe der Diskussion und Betrachtung aufgefahren. Aber wie kommt es dazu? Es liegt am Vorwissen abseits der Spiele. Studium der Geschichte, Skandinavistik usw. Das ist spürbar. Muss jeder Redakteur studiert haben? Nein, aber es eröffnet neue Diskussionen. Es geht in die Tiefe. So könnten studierte Literaturwissenschaftler eingängiger die Handlung von Spielen betrachten. Was in Testberichten gerne als gute Story betitelt wird von Redakteuren erscheint mir fragwürdig. Klar, wer keinen literarischen Vergleich kennt, um es besser einordnen zu können, gelangt zu solch einem Urteil.
Allerdings sind die Leser wohl auch nicht bereit dazu.
Sicher erleben wir heuer nicht die Blütezeit des Spielejournalismus. Für mich ist vieles was wir heute lesen und hören, durchweg zu trocken, zu aalglatt und ähnlich. Ich vermisse da die guten alten Zeiten wo Henry Ernst, Ralph Karels und andere sehr talentierte Leute geschrieben haben. (4players sehe ich ebenfalls als positives Beispiel für Journalismus, nicht falsch verstehen!) Da war jeder Testbericht ein Fest, und ich konnte die Aussage teils ewig rezitieren, selbst wenn ich die Spiele dazu nicht mal hatte.
Das Problem ist einfach, das wir kaum noch professionelle Redakteure haben, oder besser gesagt, keine die das Hobby so leben, wie es in den 90ern oder 0ern noch der Fall gewesen ist. Auch ne Videogames bestand zum Großteil aus Studenten oder Freizeitgamern, die den Job auf dem Weg zur eigentlichen Karriere eben gemacht haben, um sich finanziell über Wasser zu halten - quasi die Verbindung des Nützlichen mit dem Hang zum Spielen. Wir haben heute einfach eine ganz andere Zeit. Spiele sind nicht mehr die Kunstwerke die sie mal waren, sondern zunehmend mehr Massenware. Das färbt natürlich auf die Gamer ab, und ebenso viele Redaktionen.Die ganzen Kultmagazine sind ja ihrerzeit verschwunden, und bis auf die MI-Games und 4players ist auch nichts mehr aus den Goldenen Tagen übrig, weil einfach auch die breite Leserschaft für Qualitätsjournalismus fehlt. Das betrifft wohlgemerkt nicht nur Spieleredaktionen. Das meiste was heute durch jegliche Medien gejagt wird, sind Pressemitteilungen der DPA, Einheitsbrei und leicht bekömmlich fürs Volk. Allgemein sind Zeitschriften / Magazine eher out und am sterben. Die Mentalität der Leser geht ganz andere Wege. Einen breiten Spielejournalismus, der alle Facetten des kulturellen Mediums Spiele beleuchtet, den wirst Du nicht wiederbeleben können, weil keine Nachfrage dafür herrscht. Viele Spieler wollen Let's Plays und dummes Gelaber hören, einen einfachen, möglichst kurzen Test und ne Kaufempfehlung. 4players und einige wenige, sind sowas wie die letzten Bastionen.
Letztlich sind diese ganzen Plattformen heute nur das was die Leser oder Zuschauer wollen.

ThomasRaptor
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Re: Spielejournalismus am Endpunkt?

Beitrag von ThomasRaptor » 03.12.2019 20:21

Die Auffassung kann ich keineswegs teilen, dass es früher mehr "Kunstwerke" bei den Spieleveröffentlichungen gab. Es waren doch zumeist reduzierte Spiele, die wenige Genres bedient haben. Heute gibt es hingegen eine unvergleichliche Vielfalt. Zuallererst sollte aber der Kunstbegriff geklärt werden. Dieser wird gerne viel zu schnell verwendet.
Auch haben die "alten" Redakteure den Spielejournalismus ab einem gewissen Punkt (Mitte der 2000er) nicht weiterentwickelt. Die Spielewelten wurden größer, die Tests blieben auf kleinem Niveau. Oder anders betitelt: Sie blieben auf dem Niveau wie es aussreicht, um Spiele wie "Super Mario World" zu beurteilen.

Tetris hat durchaus eine Narrative. Allein die Entstehung des Spiels in sowjetischen Gefilden und was für Umwege es gab, um es auf Nintendo-Konsolen zu lizenzieren, wurde bereits einschlägig dokumentiert.
Spiele ohne Story greifen auch in gesellschaftliche Diskurse ein. Schau dir beispielsweise die Darstellung der umherstehden Fans in den "Need For Speed"-Teilen an oder beim Festival-Modus in "Forza Horizon". Hier wird ein Bild von jungen Menschen gezeichnet. Innerhalb dieser Reihen verändert es sich.
Aktuelles Beispiel "Death Stranding": Weshalb baut Kojima all die Prominten ein? Was für ein Bild wirft es auf ihn?
Zuletzt geändert von ThomasRaptor am 03.12.2019 20:22, insgesamt 1-mal geändert.

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dx1
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Re: Spielejournalismus am Endpunkt?

Beitrag von dx1 » 03.12.2019 20:33

ThomasRaptor hat geschrieben:
03.12.2019 20:21
Tetris hat durchaus eine Narrative.
Tetris hat durchaus einen Narrativ.

Welchen?
ThomasRaptor hat geschrieben:
03.12.2019 20:21
Aktuelles Beispiel "Death Stranding": Weshalb baut Kojima all die Prominten ein? Was für ein Bild wirft es auf ihn?
Anhand Deiner Fragestellung: Kojima möchte als Künstler angesehen werden. Er betreibt dafür ►name-dropping.
[ Signatur ungültig - Zertifikat wurde nicht gefunden ]

Khorneblume
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Re: Spielejournalismus am Endpunkt?

Beitrag von Khorneblume » 03.12.2019 21:07

ThomasRaptor hat geschrieben:
03.12.2019 20:21
Auch haben die "alten" Redakteure den Spielejournalismus ab einem gewissen Punkt (Mitte der 2000er) nicht weiterentwickelt. Die Spielewelten wurden größer, die Tests blieben auf kleinem Niveau. Oder anders betitelt: Sie blieben auf dem Niveau wie es aussreicht, um Spiele wie "Super Mario World" zu beurteilen.
Was willst Du denn weiterentwickeln? Und wie soll ein "höheres Niveau" eines Tests aussehen? Kannst Du uns mal einen Beispiel Test geben, der grob eine Richtung erlaubt?

Schau dir beispielsweise die Darstellung der umherstehden Fans in den "Need For Speed"-Teilen an oder beim Festival-Modus in "Forza Horizon". Hier wird ein Bild von jungen Menschen gezeichnet. Innerhalb dieser Reihen verändert es sich.
Wenn ich einen Test als Qualitätscheck für ein Spiel betrachte, inwiefern ist da für den Leser von Bedeutung, wie der Redakteur zu Randerscheinungen Bezug aufbaut? Ist das für den "Test" überhaupt relevant?
Sicher ist es Teil des Spielejournalismus, auch Hintergründe zu Recherchieren. Dafür kann man auch mal in einem Preview Artikel einen Hinweis darauf bieten, welche Ruinen in Europa die Entwickler von Dark Souls beispielsweise besucht haben, um sich für ihr Leveldesign inspirieren zu lassen. Alles hochinteressant und Teil der Spielekultur, aber ähh... irgendwie nicht das was der Leser von einem Test erwartet.

Und man liest das täglich hier oder in Zeitungs Kommentaren, das schon die ersten Kommentare zu einem Artikel gar keinen Bezug zu diesem nehmen, sondern oftmals nur auf die Überschrift oder das Fazit. Da kannst Du einen Test auch mit 18 Seiten, ich nenne es mal vorsichtig... unnützem Hintergrundwissen oder einem Entwickler-Tagebuch, einem zweistündigen Interview über Beweggründe etc. füllen. Das geht am Zeitgeist völlig vorbei. Und... was vielleicht noch wichtiger ist, wenn es um Printmedien geht: DAFÜR ZAHLT KEINE SAU... :roll:

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