Sehr gute Kolumne, die den traurigen Weg des Fußball passend umschreibt, sowohl auf realen wie digitalen Plätzen.
Als Kind der 80er (78 geboren, aber in den ersten beiden Jahren erlebt man ja nicht so viel bewusst) war die Sportschau jeden Samstag ein Highlight, live gab es erst mal nix. Damals gab es auch noch kein Premiere/Sky, und Internet mit Hunderten Streams schon mal gar nicht. Als gebürtiger Luxemburger gab mir die deutsche Nationalmannschaft zwar nie viel, aber damals war ich wegen Typen wie Schumacher, Littbarski und warum auch immer später Toni Polster Köln-Fan (irgendwann erlosch das dann aber), und ein bisschen Lokalpatriotismus gab es damals im ganzen Saarland für Saarbrücken natürlich auch.
Anfang der 2000er wurde ich dann dank Wengers damals furioser Spielweise zum Arsenal-Fan, was 2006 dank des verlorenen CL-Finales und des Umzugs vom charmanten Highbury Stadium zum Emirates-Klotz auch bitter war (da ich 2007 für ein halbes Jahr und Ende 2008 ganz nach London zog, war ich leider nie in Highbury).
2009 war ich dann auch das erste Mal im Emirates, aber das bisherige Highlight meiner Live-Spiele in London ist das 4:1 von Fulham gegen Juve - nicht nur, weil das Spiel genial war, sondern weil Craven Cottage sich auch wie ein "richtiges" Stadion anfühlt.
Die Kommerzialisierung im englischen Fußball merkt man vor allem an den Eintrittspreisen - erst mal 40 Pfund im Jahr für die Arsenal-Mitgliedschaft, ohne die man kaum an Karten kommt (Ausnahme war da witzigerweise das Köln-Spiel in der Europa League, aber nachdem Tausende von Köln-Fans überall im Stadion saßen, wurde das schnell wieder auf Mitglieder geändert), und dann heißt es 50 Pfund aufwärts für Premier League-Spiele blechen. Außerdem darf man im Innenbereich nicht mal Bier trinken, was auch reichlich dämlich ist, auch wenn man es mit dem Hintergrund der englischen Hooligan-Historie durchaus verstehen kann. Aber hey, 6 Pfund für ein Bier, das man vor Anpfiff oder in der Halbzeit wegkippen muss, machen dann auch nix mehr.
Corona hat dann auch nicht geholfen, da der Verein allen Ernstes Mitarbeiter vor die Tür setzt, während für Millionen eingekauft wird - ziemlich widerliches Verhalten, weshalb ich auch am überlegen bin, meine Mitgliedshaft nicht zu erneuern.
Und das ist nur Arsenal - von korrupten und eingekauften Vereinen wie Chelsea oder Man City, die aufs "financial fair play" scheißen, haben wir da ebenso wenig gesprochen wie von absurd ungleichen TV-Einnahmen in ganz Europa und den durch und durch korrupten UEFA, FIFA sowie den durchsichtigen Sponsorengeschäften, mit denen blutige Diktaturen wie die Emirate (Man City) Katar (PSG, und die Bayern werben schon seit Jahren) sowie neuestens Saudi-Arabien (der Versuch in Newcastle) sich PR erkaufen wollen.
Der Bogen zu Fußball-Videospielen ist zeitlich vielleicht anders, aber durchaus vergleichbar.
In den 80ern fing es mit einenm Fußball-Managerspiel auf dem Schneider CPC an, in den 90ern hatte ich eins auf dem Mega Drive (der Name fällt mir nicht mehr ein), später ging es dann zwischen ISS und Fifa los.
PES4 war dann das erste Fußballspiel, das mich wochenlang packen konnte, aber erst mit dem damals absolut genialen PES6 wurde der Höhepunkt erreicht - taktisch konnte man ungemein viel ändern, und wenn man dann endlich jemanden kannte, der einem auf der PS2 Memory Card alle Originalteams- und -namen gab, war man wunschlos glücklich mit dem Spiel, das wir im Freundeskreis (und damals auf der Arbeit in vielen Mittagspausen) noch bis 2010 spielten, auch weil Fifa damals Scheiße war und PES auf der 360 erst mal schlechter als PES6 war.
Dann wurde Fifa irgendwann besser und PES immer schlimmer, bis sich PES erholte, aber schnell ähnlich beliebig wie Fifa wurde. Nimmt man dann noch die schäbigen Praktiken Konamis (z. B. Arbeitsbedingungen in dem Laden) dazu, sehe ich keinen Grund, mir ein PES zu kaufen, auch wenn PES 2020 dank Game Pass ganz nett ist - aber den Eindruck hat Konami mit dem völlig übertriebenen Mini-Update zum überzogenen Preis auch wieder zerschlagen.
Die ganzen Geschichten um lizensierte Vereine und Stadien hier wie da wird auch immer lächerlicher und geht zudem auf unser aller Kosten.
Langer Rede, kurzer Sinn - der Fußball hat seine Unschuld schon lange verloren, keine Frage, aber so durch und durch korrupt, wie er sich in den letzten Jahren präsentiert, dürfte er auch "früher" nicht gewesen sein. Vielleicht ist es aber auch nur ein Zeichen der Zeit - wenn der US-Präsident seine Korruption schon zelebriert, macht das halt jeder, und die Mühlen der Justiz sind eh verrostet.
Schaue ich weniger Fußball und zocke weniger Fußballspiele als früher? Definitiv. Kann und will ich mit beidem ganz aufhören? Noch nicht. Aber die Lust wird immer weniger.